Und jetzt weiss es jeder

Und jetzt weiss es jeder

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Es ist eine der schwierigsten Aufgaben, denen wir Kommunikationsexperten ausgesetzt sind: Eine Zeitung berichtet eine Unwahrheit, manchmal auch eine Wahrheit, oft eine Belanglosigkeit aus längst vergangenen Tagen. Objektiv betrachtet tendiert die Halbwertszeit solcher Veröffentlichungen in vielen Fällen gegen Null. Solange einem Wirtschaftskapitän, Amtsdirektor oder politischen Opinion-Leader nicht gerade Straftaten vorgeworfen oder ein so vollumfängliches Versagen unterstellt wird, dass ein Karriereknick unabwendbar erscheint, ist eine solche Publikation deshalb meist nicht weiter nennenswert.

Ausser dass, und das passiert regelmässig, die Betroffenen selbst sehr viel sensibler auf solche Publikationen reagieren. Je weniger Gegenwind sie auf ihrer Position gewohnt sind, umso schmerzhafter ist es für sie, wenn ihnen ein Medienschaffender ans Bein pinkelt mit irgend’ einer Lappalie. Das ist menschlich verständlich und nachvollziehbar. Genau so wie ihr Wunsch, die eigene Kommunikationsabteilung möge gemeinsam mit dem Legal Office nicht nur den Medienschaffenden selbst, sondern am besten auch gleich noch seinen Chefredaktor und auch noch den Verleger strafrechtlich belangen wegen übler Nachrede, eventualiter Verleumdung, Falschanschuldigung, Beleidigung und was da sonst noch alles in Frage kommt.  Zeitgleich, so der verständliche Wunsch, möge jedem Individuum auf dem Planeten mitgeteilt werden, dass die publizierte Darstellung sachverhaltswidrig sei und sich in Wahrheit alles ganz anders zugetragen habe.

Wie gesagt: Diese Reaktion ist menschlich noch so verständlich. Wer lässt sich schon gerne von einem Journalisten vorführen, der meist schlecht recherchiert von von dritt- oder viertklassigen Quellen zugetragene Hören-Sagen-Geschichten veröffentlicht. – Und sich dann hinter dem Quellenschutz verstecken darf, wenn man von ihm wissen möchte, wer denn solchen Unsinn erzähle.

Dennoch: Den noch so nachvollziehbaren Rache- oder Korrekturgelüsten nachzugeben ist meist der grösste Fehler, den es in der Situation zu machen gibt. Und hier zeigt sich die Qualität sowohl der internen Kommunikationsfachleute als auch der externen Partner: Gelingt es ihnen, ihre Patrons von den Gegenmassnahmen abzuhalten, die dann nämlich erst zur Folge haben, dass ein jeder wahrnimmt, was ansonsten kaum einer gelesen und sich schon gar nicht memoriert hätte. Denn fast immer sind es erst die Dementis und Strafanzeigen, die dann so richtig Medienkarriere machen und auch noch im Hinterpfupfinger Anzeiger zu einer Geschichte werden.

Die Migros und ihre Kommunikation hat heute diesbezüglich nicht eben geglänzt. Was war passiert? Die Bilanz hatte in einem Artikel zur Frage, wie es nach dem Abgang von Dieter Berninghaus weitergehen möge, im Konjunktiv von nicht genannten internen Quellen geschrieben, es hätte offenbar ab und an laute Auseinandersetzungen zwischen Berninghaus und CEO-Herbert Bolliger gegeben. Das hätte wohl kaum einen weiter interessiert, hätte nicht die Migros mit der grossen Keule zurückgeschlagen und über den grösstmöglichen Verteiler eine Gegendarstellung nachgereicht, diese Darstellung sei so falsch. Was sie damit erreicht hat? Dass sich jetzt ein jeder überlegt, ob es vielleicht doch so gewesen sein könnte wie von der Bilanz berichtet. Sogar die, welche noch nie eine Bilanz in der Hand hatten.

 

Mehr dazu:

Das Communiqué der Migros

Der Artikel in der Bilanz

Und die prompte Reaktion des Boulevards

 

Lehren aus dem Beispiel Schneider-Ammann

Lehren aus dem Beispiel Schneider-Ammann

Die Nummer hatte für Gesprächsstoff gesorgt bis weit ins Ausland: Bundespräsident Schneider-Ammann spricht zum Tag der Kranken – und erwischt dabei nicht eben einen glücklichen Tag. Die Ansprache wirkt, schon in der deutschen, noch krasser aber in der französischen Sprachversion, wie eine Karikatur, so teilnahmslos spricht der Bundespräsident seinen Text in die Kamera.

Während Tagen ist die Videoaufzeichnung ein öffentliches Thema, Schneider-Ammann wird verspottet und parodiert.Wie es genau dazu kommen konnte, ist nicht überliefert, die verantwortlichen Stellen halten sich bedeckt. Einige wichtige Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Beispiel aber sehr wohl ziehen.

  1. Lesen ab Teleprompter will geübt sein
    Schneider-Ammann liest seinen Text, was unschwer zu erkennen ist, ab dem sog. Teleprompter ab. Das ist eine technische Einrichtung, bestehend aus einem Bildschirm, der vor der Kameralinse angebracht ist und dessen Inhalt auf eine Scheibe projeziert, die dann im 45-Grad-Winkel direkt vor dem Objektiv montiert ist. Auf diese Weise kann ein Sprechtext direkt vor dem Kameraobjektiv ab dieser Scheibe gelesen werden. Wenn der Text im richtigen Tempo abgespielt wird, kann so ein Sprecher seinem Publikum direkt in die Augen schauen, obwohl er gleichwohl abliest. Nur eben: Lesen ab Teleprompter ist nicht ganz einfach und will geübt sein. Mehr dazu finden Sie auf unseren Wissensseiten.
  2. Genügend Zeit einrechnen
    Kommunikation ist Arbeit. Sprechen und Reden halten ist Arbeit. Interviews geben ist Arbeit. Das wird gerne vergessen – es gibt von ex-US-Präsident Bill Clinton genau gleich wie von George W. Bush Aussagen an Medienkonferenzen, an deren Ende sie erzählen, sie müssten nun wieder zurück an die Arbeit (“I’ve to go back to work”). Als ob Kommunikation keine Arbeit wäre. -Diese Haltung mag auch bei Schneider-Ammann eine Rolle gespielt haben: Noch schnell eine halbe Stunde im Kalender reserviert, um eine Aufzeichnung zu machen, zwischen zwei wichtigen Terminen. – Leider ist es ein Klassiker, dass hohe Führungskräfte und Leader der Kommunikation nicht den Stellenwert einräumen, der ihr zukommt. Das heisst dann eben auch: entsprechend Zeit budgetieren.Dies gilt um so mehr, als es Schneider-Ammann bewusst sein mag, dass rhetorische Brillanz nicht seine grösse Begabung ist. Was dann ganz schnell zu einem Teufeskreis wird: Wir tun meist das am Liebsten, was wir auch am besten können. . Dabei wäre es in der Kommunikation zwingend, dass die Priorität umgekehrt proportional zum Talent veranschlagt wird.
  3. Sich einen Text zu eigen machen
    Am besten werden Sie immer denjenigen Text vortragen, den Sie selbst entwickelt haben. Und zwar am besten mündlich, indem sie erst laut vor sich hinsprechen, was sie eigentlich erzählen wollen, und das erst schriftlich festhalten, wenn Sie überzeugt sind: Genau so entspricht es mir. Nun ist es in hohen Führungschargen nicht immer möglich, jede Rede selbst zu entwickeln. Dann sollten Sie sich zumindest die Zeit nehmen, um einen Text, den Ihnen ein begabter Redenschreiber, der Sie und ihren mündlichen Ausdruck hoffentlich gut kennt, vorbereitet hat, zu ihrem eigenen Text machen. Indem Sie daran feilen, und durch das laute Vorsprechen überprüfen, ob Ihnen die Sätze, die Sie da vorfinden, auch wirklich in den Mund passen.
  4. Das Energieniveau finden
    Öffentliches Sprechen benötigt nicht nur einen genialen Text, sondern muss auch mit der entsprechenden Haltung und Körperspannung vorgetragen werden. Wir kennen alle hervorragende Texte, die durch das monotone Ablesen des Sprechers keine Brillanz zu entfalten vermögen. Und mittelmässige Texte, die durch einen witzigen, charmanten oder einfach auch energiegeladenen Sprecher zu einem Vergnügen werden. Wie aber gelingt es, die innere Spannung aufzubauen, um während einer Rede das innere Feuer zu entfachen und viel Energie auf das Publikum übertragen zu können? Das ist eine sehr individuelle Frage, Patentrezepte gibt es keine. Die absoluten Cracks in diesem Bereich erzählen meist, dass sie selbst vieles ausprobieren mussten, bis sie das für sie passende Rezept fanden.
  5. Sich einen Hofnarren halten
    Je höher Sie in der Hierarchie steigen, um so grösser die Gefahr, dass Sie sich ausschliesslich mit Menschen umgeben, die Ihnen nach dem Mund reden. Keiner wag es, der Nummer 1 zu widersprechen – oder die Nummer 1 zu kritisieren. Einen Kommunikations-Attachée, der Ihnen nicht die Wahrheit direkt ins Gesicht sagen darf, hilft Ihnen nichts – dann können Sie sich die Position auch sparen. Ein intaktes Vertrauensverhältnis zwischen Kommunikationsberater und seinem Chef oder Mandanten ist zwingend nötig als Arbeitsgrundlage.

SRF: Transparenz ist anders

«SRF veröffentlicht sämtliche Sendungskosten» titeln heute verschiedene online-Portale. Das wäre eine erfreuliche Entwicklung. Bislang ist die SRG eine Blackbox, was ihr Finanzgebahren angeht. Und das ist unerträglich, in einer Zeit, in der die öffentliche Verwaltung das Öffentlichkeitsprinzip etabliert hat und (auch die SRG-) Journalisten bei allen denkbaren und undenkbaren Themen nach vollständiger Transparenz verlangen.

Wer sich dann allerdings das gebotene vor Augen führt, reibt sich die Augen und stellt schnell fest: Der Titel in der Presse ist eine Lüge. Da werden die grossen Unterhaltungssendungen mit einem Durchschnittspreis von CHF 807’000 bepreist. Wie sich die Kosten zusammensetzen, wird nicht erläutert. Insbesondere wäre beispielsweise die Frage interessant, wieviel Lizenzgebühren SRF für Formate wie VOICE OF SWITZERLAND dafür abdrückt, dass die Kreativabteilung am Leutschenbach nicht in der Lage ist, sich selbst ein spannendes Unterhaltungsformat auszudenken, sondern Konzepte «ab der Stange» einkaufen muss.

Auch im Informationsbereich schleicht sich SRF billig aus der Verantwortung. Die TAGESSCHAU wird mit allen Ausgaben pro Jahr mit CHF 23,9 Mio ausgewiesen – die einzelnen Ausgaben werden nicht weiter spezifiziert. Zu 10VOR10, SCHWEIZ AKTUELL, BÖRSE, METEO und der sehr umstrittenen Sendung GLANZ & GLORIA macht SRF überhaupt keine Angabe.

Schliesslich der Sport. Hier werden lediglich die direkten Kosten der einzelnen Formate SPORTPANORAMA, SPORTLOUNGE und SPORT AKTUELL ausgewiesen. Zu den Sportrechten, welche hier den grossen Kostenblock bilden, macht SRF keine Aussage. – Dabei wäre es gerade hier wichtig und interessant für die Öffentlichkeit, zu erfahren, wieviel die SRG in diesem Bereich ausgibt.

Fazit: Die sogenannte Transparenz von SRF in dieser Form ist ein völliger Witz.

Die Schlussfolgerung ist schnell gemacht: Die Verantwortlichen von SRF haben ganz offensichtlich viel zu verstecken. Und das kann wohl nur heissen, dass sie massiven Druck befürchten, weil sie wissen, dass sie die Kosten nicht rechtfertigen können. Da hilft nur eines: Auch die SRG ist über die Konzession oder das Gesetz explizit dem Öffentlichkeitsprinzip zu unterstellen, mit der Verpflichtung, eine Kostenrechnung zu den einzelnen Sendungen zu führen, aus der bestimmte Kennzahlen (wie z.B. kalkulatorische Gesamtkosten einer einzelnen Ausgabe, Kosten pro Sendeminute, etc.) auszuweisen sind. Alles andere ist einem Betrieb, der von jedem einzelnen mit Wohnsitz in der Schweiz finanziert wird, unwürdig.

Krisenkommunikation in eigener Sache

Im Zusammenhang mit der «Carlos»-Affäre wurde hie und da gefragt: Warum brauchen Amtsinhaber der öffentlichen Verwaltung in der Krise externe Kommunikationsberater? – Das müssten doch auch die internen können. – Warum es sie braucht zeigt – ausgerechnet – #gerrygate.

Nein, wir sprechen für einmal nicht von Gerry Müller. Wir sprechen von Sascha Wigdorovits. Als «PR-Profi» wird er gerne apostrophiert, auch mal als «Mann fürs Grobe». Seit einigen Tagen wissen wir: offenbar hat er eigenhändig die Kulissen geschoben, als es darum ging, die unappetitliche Geschichte von Badens Stadtammann und seinen Nackt-Selfies anzurichten.

Und wie reagiert der PR-Profi, als er plötzlich selbst im Mittelpunkt des Skandals steht? Er lügt er sich um seine ganze Glaubwürdigkeit, indem er die Berichterstattung über sein Engagement in der Sache als «frei erfunden» kritisiert. Scheibchenweise gesteht er ein, was sich nicht mehr leugnen lässt – etwa, dass er sich noch letzte Woche im SMS-Austausch mit der Empfängerin der Nackt-Selfies von Müller befand.

Ironischerweise postuliert Wigdorovits selbst, wenn immer er gefragt wird, dass die Wahrheit und nichts als die Wahrheit Kern und Ausgangspunkt jeder Krisenkommunikation sein müsse.

Noch besser dann am Sonntag: Nachdem die SONNTAGSZEITUNG seine Rolle kritisch beleuchtet, schwingt Wigdorovits die Antisemitismus-Keule (Nachzulesen unter www.persoenlich.com) und verunglimpft Journalisten. Damit verletzt er eine weitere goldene Regel der Krisenkommunikation: Keine Medienschelte (und falls doch, dann muss das wohlabgewogen und am besten durch andere Absender erfolgen).

Fazit: Wigdorovits, dem Tagesansätze von CHF 5000.– nachgesagt werden, hat als Krisenkommunikator in eigener Sache kolossal versagt. Und so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Kann man Widgorovits das zum Vorwurf machen? Nein! 

Warum? Weil auch unsere Erfahrung immer wieder zeigt: Wer selbst in eine Krise gerät, riskiert den «Tunnelblick». Will heissen: Nimmt nur noch seine eigene Realität wahr und verschliesst sich einer neutralen, kühlen Sichtweise der Situation. Genau diese ist aber nötig, um ein Problem sachgerecht zu lösen. Mediziner haben das schon lange erkannt: So operiert kein Chirurg seine eigenen Angehörigen. Auch in der Gilde der Juristen ist das Phänomen bekannt: Kein Rechtsanwalt verteidigt sich selbst. Er lässt sich verteidigen.

Dasselbe sollte für den Krisenkommunikator gelten, der selbst in eine Krise gerät.

Und erst recht für all diejenigen, für die – hoffentlich – das Krisenmanagement nicht das Kerngeschäft ihrer Tätigkeit bildet, weil sie nämlich, zum Beispiel als Kader in einer Verwaltung, für anderes angestellt sind. Auch hier gilt: In einer Krise tut die Aussensicht not, um die Gefahr des Tunnelblicks abwenden zu können.

Wie figura zeigt, ist der Zuzug eines externen Helfers, der kritisch den Spiegel vorhält und damit einen wesentlichen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten kann, ein Zeichen von Charakterstärke, und nicht von Schwäche, wie da gelegentlich von Laien behauptet wird.

 

Gerygate: Das Problem der zu schnellen Festlegung

Der CLUB des SCHWEIZER FERNSEHENS vom 19. August hat es wieder einmal deutlich gemacht. In der Person von alt-Presseratspräsident und als-Chefredaktor Peter Studer. Der Mann, der schon längst zur Fraktion der Juristen gehört, die auch ohne detaillierte Dossier-Kenntnis einen Urteilsspruch wagen und damit regelmässig gegen eine juristische Haupttugend verstösst, hat sich bereits am Montag festgelegt. In einem Interview mit dem TAGES-ANZEIGER erläutert er, warum die Geschichte des SONNTAGS-ZEITUNG aus seiner Sicht die Kriterien für eine Publikation erfüllt, sprich: von öffentlicher Relevanz ist.

Blöd nur: schon am selben Tag bricht das Hauptargument seiner Expertise weg: Der mutmassliche Amtsmissbrauch fällt nach übereinstimmenden Aussagen der Polizeikorps des Kantons Bern und des Kantons Aargau weg: Müller hätte als Stadtammann von Baden zwar einen Amtsmissbrauch begehen können, wenn er sein eigenes Korps, die Stadtpolizei Baden, in dem Fall instrumentalisiert hätte. Das Problem nur: Er hatte nicht. Eine einfache Nachfrage bei den Polizei-Korps hat diesen Sachverhalt geklärt, nachzulesen etwa auf NZZ online. Oder in dem bemerkenswerten Beitrag von 10vor10 des SCHWEIZER FERNSEHENS.

Ein offener Punkt bleibt allerdings: Die Frau, mit der Gery Müller gechattet und Nackt-Bilder ausgetauscht hat, stellt die Sachlage auch im BLICK vom 20. August völlig anders dar. Hat Müller deshalb erst am Dienstag informiert, weil er den Montag dazu brauchte, um mit den Polizeikorps die Geschichte abzusprechen? Wenn die Version der Frau stimmen würde, hätte nämlich auch die Polizei, insbesondere diejenige in Baden, ein Problem und müsste sich ihrerseits Amtsanmassung als Vorwurf gefallen lassen.  Begründen die unterschiedlichen Darstellungen ein öffentliches Interesse? Nein. Warum nicht?

Es darf nicht reichen. Wäre es nämlich so, könnte ein jeder Zeitgenosse mit obskuren Beschuldigungen gegen eine prominente Persönlichkeit skandalisierende Berichte in den Medien auslösen, die eine solche Person des öffentlichen Lebens im besten Falle diskreditieren, im schlechtesten völlig zu Fall bringen könnte. Das darf eine Gesellschaft niemals zulassen und muss deshalb darauf bestehen, dass Medien ihre Verantwortung wahrnehmen. Zunächst hätte ein Journalist beispielsweise die Pflicht der Quellenkritik: er müsste sich also kritisch fragen, wie vertrauenswürdig seine Quellen sind. Und welche Motive sie haben könnte, eine Situation so darzustellen, wie sie es tut. Für die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit kann zum Beispiel herangezogen werden, ob sich eine Quelle selbst in Widersprüche verstrickt. Die betroffene Frau wird in diesem Falle einmal damit zitiert, sie habe von sich nie Nacktbilder an Müller geschickt, an anderen Orten wiederum räumt sie ein, auf Druck von Müller auch von sich Bilder geschickt zu haben. Auch Protokolle z.B. der Polizeibehörden könnten ein Puzzleteil zu diesem Mosaik sein. Natürlich bedeuten solche Abklärungen Arbeit, damit Aufwand und Kosten für einen Medienbetrieb. Unserer Überzeugung nach darf ein öffentliches Interesse an dieser Kontroverse erst bejaht werden, wenn der Journalist diese Arbeit geleistet hat und sich nach bestem Wissen und Gewissen keine Klarheit ausmachen lässt.

Aber zurück zu Medienrechtler Studer. Er argumentiert damit, Müller sei eine Figur des öffentlichen Interesses und müsse sich als gewählter Politiker mehr gefallen lassen als einer anderer. Dieses Argument ist nicht nur gerichtsnotorisch, sondern auch in der Lehre akzeptiert. Allerdings mit der Einschränkung, dass für den mithin allerpersönlichsten Bereich, nämlich die Sexualität, auch für eine Person der Zeitgeschichte die Privatspähre zu achten sei.

Was bleibt noch als Rechtfertigung für eine Publikation? Chefredaktor Müller (und in der Folge auch Studer) argumentieren, Müller habe die Nackt-Selfies während seiner Arbeitszeit gemacht. Dieses Argument ist einigermassen lächerlich. Es mag hinhalten für Personen, die ein- und ausstempeln und Ihre Arbeitszeit auf die Minute genau abrechnen. Ein Mann in einer hohen Kaderfunktion wie ein Stadtammann wird wohl soviel mehr als die gesetzliche Höchstarbeitszeit für sein Amt unterwegs sein, dass dieses Argumentation nachgerade lächerlich wirkt.

Oder: Die Bilder seien im Amtshaus entstanden. Dieses Argument lässt sich schlecht wiederlegen, weil es gar keines ist. Wollen die Vertreter dieser Argumentationskette aussagen, dass alles, was vielleicht moralisch fragwürdig ist, dann in der Öffentlichkeit breitgetreten werden darf, wenn es in Amtsräumen stattfindet? Verfügen Amtsräume über eine besondere Weihe, die verletzt werden kann? Reicht es für ein öffentliches Interesse, wenn in diesen Räumen «etwas passiert, was dort normalerweise nicht passiert», wie sich Studer im Club zu rechtfertigen versuchte? – Zugegebenermassen ein Argument, – seit dem Zeitalter der Aufklärung dürfte es allerdings nur noch für die einige äusserst Konservative von Belang sein.

Bleibt ein Vorwurf, den allerdings weder CR Müller noch Studer explizit benennen: Der nämlich, Müller könnte sich mit den Bildern erpressbar gemacht haben. Dieses Argument wird wohl deshalb nicht bemüht, weil es seinerzeit in der sog. Borer-Affäre (es ging um eine angebliche aussereheliche Beziehung des Schweizer Botschafters in Deutschland) mit dem Gegenargument ausgehebelt wurde, in der heutigen Zeit würde eine Affäre nicht mehr ausreichen, um einen Erpressungsgrund zu konstituieren. Gilt das Argument?

Aus meiner Sicht ist es das einzige Argument, das letzten Endes übrigbleibt. Die ganze Affäre hat letztlich nur dann eine Relevanz, wenn es auf irgend’ eine Weise die Amtsführung von Gery Müller negativ beeinflusst. Und es ist die Vermutung durchaus nicht von der Hand zu weisen, dass ein Politiker sich zu Handlungen hinreissen lassen könnte, wenn auf dem Spiel steht, dass Bilder seiner primären Geschlechtsorgane den Medien zugespielt werden und von diesen möglicherweise gar – mehr oder weniger verpixelt – publiziert werden. Dieses Druckmittel für eine Erpressung unterscheidet sich qualitativ auch erheblich von der reinen Aussicht (in der Borer-Affäre), dass eine aussereheliche Ehe ohne entsprechendes Bildmaterial als Aussage der Gespielin in den Medien abgehandelt werden könnte.

Fazit: Die ins Feld geführte Argumentation dafür, warum eine Publikation durch öffentliches Interesse begründet ist, weist bislang erhebliche Mängel auf . Die Rechtfertigungsversuche von Chefredaktor Müller sind wenig stichhaltig und zeigen, dass im Vorfeld der Publikation mehr der Scoop (und die damit erhoffte Auflage und Beachtung in der Öffentlichkeit) im Raum standen als die echte Überzeugung, dass hier Vorfälle von einer Tragweite zu berichten sind, über welche der geneigte Wähler, die Wählerin, unbedingt ins Bild zu setzen seien. Medienrechtler Studer hat sich, ohne vertiefte Kenntnisse und/oder Recherchen, festgelegt und muss jetzt, um sein Gesicht nicht zu verlieren, an seiner oben bereits widerlegten Argumentation festhalten. Die eigentliche Frage aber ist bislang in der öffentlichen Diskussion kaum aufgegriffen worden.

Die «Mea Culpa»-Strategie

Es war das ganz grosse Skandalisierungspotential: Der Grüne Nationalrat und Badener Stadtammann Geri Müller habe Nackt-Selfies von sich an eine junge Frau geschickt, berichtete die SCHWEIZ AM SONNTAG im Artikel ihres Chefredaktors Patrik Müller am letzten Sonntag. Und noch schlimmer: Er habe die Frau bedroht, das Handy herauszugeben und sein Amt missbraucht, indem er ihr die Polizei auf den Hals hetzte.

Zwei Tage später hat Gerry Müller das Gesetz des Handelns an sich gerissen und sich in einer halbstündigen Medienkonferenz erklärt. Quintessenz seiner Aussage: Müller schämt sich für den Vorfall und die Schmuddel-Chats, bittet dafür um Entschuldigung, will aber seine Ämter nur abgeben, falls er realisiert, dass das Vertrauen in seine Person nicht mehr gegeben ist.

Was ist von dem Auftritt zu halten?

Zunächst hat Müller die richtige Strategie gewählt – schade, dass er recht viel Zeit brauchte, bis er auf die Vorwürfe reagierte. Müller selbst rechtfertigt das mit dem Druck, der auf ihm gelastet habe. Das ist nachvollziehbar – genau deshalb plädieren wir auch immer dafür, in einer Krisensituation die Betroffenen und auch die Mitglieder des Krisenstabes durch Profis zu betreuen. Dadurch kann sichergestellt werden, dass Betroffene auch in grossen Belastungssituationen durchhalten – die halbe Miete in solchen Fällen. Und aus demselben Grunde ist es häufig auch nötig, in solchen Belastungssituationen zusätzliche externe Hilfe von aussen zu holen. Schlicht, weil die Fülle der Aufgaben von einem Kleinst-Team nicht zu bewältigen ist. Gut beraten sind natürlich diejenigen, welche sich rechtzeitig um Partner für solche Situation umgesehen haben und  im Ereignisfall nicht erst noch suchen müssen.

In der Krisenkommunikation werden verbale, paraverbale und nonverbale Ebene der Kommunikation von allerlei Auguren bis ins Detail analysiert. Müller wirkte in seiner Medienkonferenz niedergeschlagen, übernächtigt, belastet – einen Wahlkampf würde er auf diese Art nicht gewinnen können. In der gegebenen Krisensituation wirkt das alles aber goldrichtig. Die Schusseligkeit, dass es ihm zu Beginn der Konferenz nicht einmal mehr gelingen mag, eine Mineralwasserflasche zu öffnen, wirkt authentisch und wird vom Publikum als Bestätigung dafür empfunden, wie stark er unter Druck stehen muss.

Details in der Wortwahl pflegen

Auf der verbalen, also der Wort-Ebene, machen wir einige Details aus, die verbesserungswürdig sind. Müller spricht zum Beispiel «eine dunkle Seite» an, die er habe. Eine solche Aussage ist geeignet, in den Köpfen des Publikums ein düsteres Bild und weitere Fragen entstehen zu lassen. Umso mehr, wenn diese Aussage dann zur Titel- und Schlagzeile vieler Veröffentlichungen wird. Wir empfehlen, in einer Krisensituation auf die Lösung, auf die Lehren, auf die Zukunft zu fokussieren. Wichtig ist auch, nur über eigene Handlungen, Beobachtungen und Wahrnehmungen zu sprechen – und nicht über diejenigen von involvierten Dritten. Müller erzählt z.B. von einer Hausdurchsuchung, die stattgefunden habe. Das erscheint im Moment unproblematisch, trotzdem spricht er über eine Aktion von Dritten, nämlich der Kantonspolizei Bern – was er nicht tun sollte. Heikler wird es, wenn er aussagt, weder die Frau noch er hätten sich je belästigt gefühlt. In der Praxis zeigt sich, dass diese Dritten, für die stellvertretend Aussagen gemacht werden, sich hernach oft selbst zu Wort melden – möglicherweise mit einer abweichenden Darstellung, was dann häufig Probleme verursacht und die Frage aufwirft, ob da wirklich ehrlich kommuniziert worden war.

Ein letzer Punkt: Müller hat am Schluss seiner Medienkonferenz keine Fragen der Medienschaffenden mehr beantwortet. Dieses Verhalten ist geneigt, beim Publikum den Eindruck zu erwecken, dass Müller doch noch Dinge zu verstecken hat oder kritische Fragen scheut. Wenn er dann am selben Tag abends im CLUB des SCHWEIZER FERNSEHENS doch auftritt und sich Fragen stellen lässt, wird das von vielen der Medienschaffenden, welche diese Chance nicht erhalten haben, als Affront empfunden werden. Eine gut moderierte, zeitlich begrenzte Fragerunde am Ende der Medienkonferenz hätte dem entgegen gewirkt.

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