Krisenkommunikation in eigener Sache

Im Zusammenhang mit der «Carlos»-Affäre wurde hie und da gefragt: Warum brauchen Amtsinhaber der öffentlichen Verwaltung in der Krise externe Kommunikationsberater? – Das müssten doch auch die internen können. – Warum es sie braucht zeigt – ausgerechnet – #gerrygate.

Nein, wir sprechen für einmal nicht von Gerry Müller. Wir sprechen von Sascha Wigdorovits. Als «PR-Profi» wird er gerne apostrophiert, auch mal als «Mann fürs Grobe». Seit einigen Tagen wissen wir: offenbar hat er eigenhändig die Kulissen geschoben, als es darum ging, die unappetitliche Geschichte von Badens Stadtammann und seinen Nackt-Selfies anzurichten.

Und wie reagiert der PR-Profi, als er plötzlich selbst im Mittelpunkt des Skandals steht? Er lügt er sich um seine ganze Glaubwürdigkeit, indem er die Berichterstattung über sein Engagement in der Sache als «frei erfunden» kritisiert. Scheibchenweise gesteht er ein, was sich nicht mehr leugnen lässt – etwa, dass er sich noch letzte Woche im SMS-Austausch mit der Empfängerin der Nackt-Selfies von Müller befand.

Ironischerweise postuliert Wigdorovits selbst, wenn immer er gefragt wird, dass die Wahrheit und nichts als die Wahrheit Kern und Ausgangspunkt jeder Krisenkommunikation sein müsse.

Noch besser dann am Sonntag: Nachdem die SONNTAGSZEITUNG seine Rolle kritisch beleuchtet, schwingt Wigdorovits die Antisemitismus-Keule (Nachzulesen unter www.persoenlich.com) und verunglimpft Journalisten. Damit verletzt er eine weitere goldene Regel der Krisenkommunikation: Keine Medienschelte (und falls doch, dann muss das wohlabgewogen und am besten durch andere Absender erfolgen).

Fazit: Wigdorovits, dem Tagesansätze von CHF 5000.– nachgesagt werden, hat als Krisenkommunikator in eigener Sache kolossal versagt. Und so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Kann man Widgorovits das zum Vorwurf machen? Nein! 

Warum? Weil auch unsere Erfahrung immer wieder zeigt: Wer selbst in eine Krise gerät, riskiert den «Tunnelblick». Will heissen: Nimmt nur noch seine eigene Realität wahr und verschliesst sich einer neutralen, kühlen Sichtweise der Situation. Genau diese ist aber nötig, um ein Problem sachgerecht zu lösen. Mediziner haben das schon lange erkannt: So operiert kein Chirurg seine eigenen Angehörigen. Auch in der Gilde der Juristen ist das Phänomen bekannt: Kein Rechtsanwalt verteidigt sich selbst. Er lässt sich verteidigen.

Dasselbe sollte für den Krisenkommunikator gelten, der selbst in eine Krise gerät.

Und erst recht für all diejenigen, für die – hoffentlich – das Krisenmanagement nicht das Kerngeschäft ihrer Tätigkeit bildet, weil sie nämlich, zum Beispiel als Kader in einer Verwaltung, für anderes angestellt sind. Auch hier gilt: In einer Krise tut die Aussensicht not, um die Gefahr des Tunnelblicks abwenden zu können.

Wie figura zeigt, ist der Zuzug eines externen Helfers, der kritisch den Spiegel vorhält und damit einen wesentlichen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten kann, ein Zeichen von Charakterstärke, und nicht von Schwäche, wie da gelegentlich von Laien behauptet wird.

 

Gerygate: Das Problem der zu schnellen Festlegung

Der CLUB des SCHWEIZER FERNSEHENS vom 19. August hat es wieder einmal deutlich gemacht. In der Person von alt-Presseratspräsident und als-Chefredaktor Peter Studer. Der Mann, der schon längst zur Fraktion der Juristen gehört, die auch ohne detaillierte Dossier-Kenntnis einen Urteilsspruch wagen und damit regelmässig gegen eine juristische Haupttugend verstösst, hat sich bereits am Montag festgelegt. In einem Interview mit dem TAGES-ANZEIGER erläutert er, warum die Geschichte des SONNTAGS-ZEITUNG aus seiner Sicht die Kriterien für eine Publikation erfüllt, sprich: von öffentlicher Relevanz ist.

Blöd nur: schon am selben Tag bricht das Hauptargument seiner Expertise weg: Der mutmassliche Amtsmissbrauch fällt nach übereinstimmenden Aussagen der Polizeikorps des Kantons Bern und des Kantons Aargau weg: Müller hätte als Stadtammann von Baden zwar einen Amtsmissbrauch begehen können, wenn er sein eigenes Korps, die Stadtpolizei Baden, in dem Fall instrumentalisiert hätte. Das Problem nur: Er hatte nicht. Eine einfache Nachfrage bei den Polizei-Korps hat diesen Sachverhalt geklärt, nachzulesen etwa auf NZZ online. Oder in dem bemerkenswerten Beitrag von 10vor10 des SCHWEIZER FERNSEHENS.

Ein offener Punkt bleibt allerdings: Die Frau, mit der Gery Müller gechattet und Nackt-Bilder ausgetauscht hat, stellt die Sachlage auch im BLICK vom 20. August völlig anders dar. Hat Müller deshalb erst am Dienstag informiert, weil er den Montag dazu brauchte, um mit den Polizeikorps die Geschichte abzusprechen? Wenn die Version der Frau stimmen würde, hätte nämlich auch die Polizei, insbesondere diejenige in Baden, ein Problem und müsste sich ihrerseits Amtsanmassung als Vorwurf gefallen lassen.  Begründen die unterschiedlichen Darstellungen ein öffentliches Interesse? Nein. Warum nicht?

Es darf nicht reichen. Wäre es nämlich so, könnte ein jeder Zeitgenosse mit obskuren Beschuldigungen gegen eine prominente Persönlichkeit skandalisierende Berichte in den Medien auslösen, die eine solche Person des öffentlichen Lebens im besten Falle diskreditieren, im schlechtesten völlig zu Fall bringen könnte. Das darf eine Gesellschaft niemals zulassen und muss deshalb darauf bestehen, dass Medien ihre Verantwortung wahrnehmen. Zunächst hätte ein Journalist beispielsweise die Pflicht der Quellenkritik: er müsste sich also kritisch fragen, wie vertrauenswürdig seine Quellen sind. Und welche Motive sie haben könnte, eine Situation so darzustellen, wie sie es tut. Für die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit kann zum Beispiel herangezogen werden, ob sich eine Quelle selbst in Widersprüche verstrickt. Die betroffene Frau wird in diesem Falle einmal damit zitiert, sie habe von sich nie Nacktbilder an Müller geschickt, an anderen Orten wiederum räumt sie ein, auf Druck von Müller auch von sich Bilder geschickt zu haben. Auch Protokolle z.B. der Polizeibehörden könnten ein Puzzleteil zu diesem Mosaik sein. Natürlich bedeuten solche Abklärungen Arbeit, damit Aufwand und Kosten für einen Medienbetrieb. Unserer Überzeugung nach darf ein öffentliches Interesse an dieser Kontroverse erst bejaht werden, wenn der Journalist diese Arbeit geleistet hat und sich nach bestem Wissen und Gewissen keine Klarheit ausmachen lässt.

Aber zurück zu Medienrechtler Studer. Er argumentiert damit, Müller sei eine Figur des öffentlichen Interesses und müsse sich als gewählter Politiker mehr gefallen lassen als einer anderer. Dieses Argument ist nicht nur gerichtsnotorisch, sondern auch in der Lehre akzeptiert. Allerdings mit der Einschränkung, dass für den mithin allerpersönlichsten Bereich, nämlich die Sexualität, auch für eine Person der Zeitgeschichte die Privatspähre zu achten sei.

Was bleibt noch als Rechtfertigung für eine Publikation? Chefredaktor Müller (und in der Folge auch Studer) argumentieren, Müller habe die Nackt-Selfies während seiner Arbeitszeit gemacht. Dieses Argument ist einigermassen lächerlich. Es mag hinhalten für Personen, die ein- und ausstempeln und Ihre Arbeitszeit auf die Minute genau abrechnen. Ein Mann in einer hohen Kaderfunktion wie ein Stadtammann wird wohl soviel mehr als die gesetzliche Höchstarbeitszeit für sein Amt unterwegs sein, dass dieses Argumentation nachgerade lächerlich wirkt.

Oder: Die Bilder seien im Amtshaus entstanden. Dieses Argument lässt sich schlecht wiederlegen, weil es gar keines ist. Wollen die Vertreter dieser Argumentationskette aussagen, dass alles, was vielleicht moralisch fragwürdig ist, dann in der Öffentlichkeit breitgetreten werden darf, wenn es in Amtsräumen stattfindet? Verfügen Amtsräume über eine besondere Weihe, die verletzt werden kann? Reicht es für ein öffentliches Interesse, wenn in diesen Räumen «etwas passiert, was dort normalerweise nicht passiert», wie sich Studer im Club zu rechtfertigen versuchte? – Zugegebenermassen ein Argument, – seit dem Zeitalter der Aufklärung dürfte es allerdings nur noch für die einige äusserst Konservative von Belang sein.

Bleibt ein Vorwurf, den allerdings weder CR Müller noch Studer explizit benennen: Der nämlich, Müller könnte sich mit den Bildern erpressbar gemacht haben. Dieses Argument wird wohl deshalb nicht bemüht, weil es seinerzeit in der sog. Borer-Affäre (es ging um eine angebliche aussereheliche Beziehung des Schweizer Botschafters in Deutschland) mit dem Gegenargument ausgehebelt wurde, in der heutigen Zeit würde eine Affäre nicht mehr ausreichen, um einen Erpressungsgrund zu konstituieren. Gilt das Argument?

Aus meiner Sicht ist es das einzige Argument, das letzten Endes übrigbleibt. Die ganze Affäre hat letztlich nur dann eine Relevanz, wenn es auf irgend‘ eine Weise die Amtsführung von Gery Müller negativ beeinflusst. Und es ist die Vermutung durchaus nicht von der Hand zu weisen, dass ein Politiker sich zu Handlungen hinreissen lassen könnte, wenn auf dem Spiel steht, dass Bilder seiner primären Geschlechtsorgane den Medien zugespielt werden und von diesen möglicherweise gar – mehr oder weniger verpixelt – publiziert werden. Dieses Druckmittel für eine Erpressung unterscheidet sich qualitativ auch erheblich von der reinen Aussicht (in der Borer-Affäre), dass eine aussereheliche Ehe ohne entsprechendes Bildmaterial als Aussage der Gespielin in den Medien abgehandelt werden könnte.

Fazit: Die ins Feld geführte Argumentation dafür, warum eine Publikation durch öffentliches Interesse begründet ist, weist bislang erhebliche Mängel auf . Die Rechtfertigungsversuche von Chefredaktor Müller sind wenig stichhaltig und zeigen, dass im Vorfeld der Publikation mehr der Scoop (und die damit erhoffte Auflage und Beachtung in der Öffentlichkeit) im Raum standen als die echte Überzeugung, dass hier Vorfälle von einer Tragweite zu berichten sind, über welche der geneigte Wähler, die Wählerin, unbedingt ins Bild zu setzen seien. Medienrechtler Studer hat sich, ohne vertiefte Kenntnisse und/oder Recherchen, festgelegt und muss jetzt, um sein Gesicht nicht zu verlieren, an seiner oben bereits widerlegten Argumentation festhalten. Die eigentliche Frage aber ist bislang in der öffentlichen Diskussion kaum aufgegriffen worden.

Die «Mea Culpa»-Strategie

Es war das ganz grosse Skandalisierungspotential: Der Grüne Nationalrat und Badener Stadtammann Geri Müller habe Nackt-Selfies von sich an eine junge Frau geschickt, berichtete die SCHWEIZ AM SONNTAG im Artikel ihres Chefredaktors Patrik Müller am letzten Sonntag. Und noch schlimmer: Er habe die Frau bedroht, das Handy herauszugeben und sein Amt missbraucht, indem er ihr die Polizei auf den Hals hetzte.

Zwei Tage später hat Gerry Müller das Gesetz des Handelns an sich gerissen und sich in einer halbstündigen Medienkonferenz erklärt. Quintessenz seiner Aussage: Müller schämt sich für den Vorfall und die Schmuddel-Chats, bittet dafür um Entschuldigung, will aber seine Ämter nur abgeben, falls er realisiert, dass das Vertrauen in seine Person nicht mehr gegeben ist.

Was ist von dem Auftritt zu halten?

Zunächst hat Müller die richtige Strategie gewählt – schade, dass er recht viel Zeit brauchte, bis er auf die Vorwürfe reagierte. Müller selbst rechtfertigt das mit dem Druck, der auf ihm gelastet habe. Das ist nachvollziehbar – genau deshalb plädieren wir auch immer dafür, in einer Krisensituation die Betroffenen und auch die Mitglieder des Krisenstabes durch Profis zu betreuen. Dadurch kann sichergestellt werden, dass Betroffene auch in grossen Belastungssituationen durchhalten – die halbe Miete in solchen Fällen. Und aus demselben Grunde ist es häufig auch nötig, in solchen Belastungssituationen zusätzliche externe Hilfe von aussen zu holen. Schlicht, weil die Fülle der Aufgaben von einem Kleinst-Team nicht zu bewältigen ist. Gut beraten sind natürlich diejenigen, welche sich rechtzeitig um Partner für solche Situation umgesehen haben und  im Ereignisfall nicht erst noch suchen müssen.

In der Krisenkommunikation werden verbale, paraverbale und nonverbale Ebene der Kommunikation von allerlei Auguren bis ins Detail analysiert. Müller wirkte in seiner Medienkonferenz niedergeschlagen, übernächtigt, belastet – einen Wahlkampf würde er auf diese Art nicht gewinnen können. In der gegebenen Krisensituation wirkt das alles aber goldrichtig. Die Schusseligkeit, dass es ihm zu Beginn der Konferenz nicht einmal mehr gelingen mag, eine Mineralwasserflasche zu öffnen, wirkt authentisch und wird vom Publikum als Bestätigung dafür empfunden, wie stark er unter Druck stehen muss.

Details in der Wortwahl pflegen

Auf der verbalen, also der Wort-Ebene, machen wir einige Details aus, die verbesserungswürdig sind. Müller spricht zum Beispiel «eine dunkle Seite» an, die er habe. Eine solche Aussage ist geeignet, in den Köpfen des Publikums ein düsteres Bild und weitere Fragen entstehen zu lassen. Umso mehr, wenn diese Aussage dann zur Titel- und Schlagzeile vieler Veröffentlichungen wird. Wir empfehlen, in einer Krisensituation auf die Lösung, auf die Lehren, auf die Zukunft zu fokussieren. Wichtig ist auch, nur über eigene Handlungen, Beobachtungen und Wahrnehmungen zu sprechen – und nicht über diejenigen von involvierten Dritten. Müller erzählt z.B. von einer Hausdurchsuchung, die stattgefunden habe. Das erscheint im Moment unproblematisch, trotzdem spricht er über eine Aktion von Dritten, nämlich der Kantonspolizei Bern – was er nicht tun sollte. Heikler wird es, wenn er aussagt, weder die Frau noch er hätten sich je belästigt gefühlt. In der Praxis zeigt sich, dass diese Dritten, für die stellvertretend Aussagen gemacht werden, sich hernach oft selbst zu Wort melden – möglicherweise mit einer abweichenden Darstellung, was dann häufig Probleme verursacht und die Frage aufwirft, ob da wirklich ehrlich kommuniziert worden war.

Ein letzer Punkt: Müller hat am Schluss seiner Medienkonferenz keine Fragen der Medienschaffenden mehr beantwortet. Dieses Verhalten ist geneigt, beim Publikum den Eindruck zu erwecken, dass Müller doch noch Dinge zu verstecken hat oder kritische Fragen scheut. Wenn er dann am selben Tag abends im CLUB des SCHWEIZER FERNSEHENS doch auftritt und sich Fragen stellen lässt, wird das von vielen der Medienschaffenden, welche diese Chance nicht erhalten haben, als Affront empfunden werden. Eine gut moderierte, zeitlich begrenzte Fragerunde am Ende der Medienkonferenz hätte dem entgegen gewirkt.

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Einschätzung des Kommunikations-Experten Roland Binz (Blog)

Interview mit Kommunikationsexperte Roger Huber in 20MINUTEN

 

Über das Beratergeschäft

Das Muster ist nicht neu: Wenn eine Geschichte nichts mehr hergibt, dann werden schliesslich noch die involvierten Berater ins Rampenlicht gezogen. Handelt es sich beim Auftraggeber um eine Verwaltungsstelle oder einen öffentlich-rechtlichen Betrieb, dann lässt sich oft und gerne über die Höhe der ausbezahlten Honorare die Empörungsindustrie noch einmal ankurbeln.

Das war auch im Fall «Carlos» nicht anders.

Es begann damit, dass die NZZ – peinlich genug für ein Blatt dieses Renomées – dem involvierten Kommunikationsberater allen Ernstes eine Amtsgeheimnisverletzung unterstellt. Die kann dieser schon alleine deshalb nicht begangen haben, weil er nie eine Amtsperson war – das aber eines der Tatbestandsmerkmale dieses sog. Sonderdelikts bildet. Aber gut.

Das Kesseltreiben geht dann in den vorhersehbaren Bahnen weiter. Leider lässt sich allerdings auch aus den Honorarnoten des beteiligten kein grosser Skandal machen: Durchschnittlich soll sein Honorar im Monat rund CHF 3600.– betragen haben. Das entspricht bei den branchenüblichen Ansätzen von etwa CHF 2’500.– bis CHF 4’000.– einem bis zwei Arbeitstagen pro Monat.

Bleibt also nur noch die Flucht in die letzte Bastion der Skandalisierung: Warum überhaupt ist der Beizug eines externen Beraters nötig, wo doch die Verwaltung über genügend interne Kommunikationsspezialisten verfügen sollte.

Indes, die Kritik greift gleich aus mehreren Gründen zu kurz:

Zum einen: ähnlich einem Anwalt wird auch ein Kommunikationsberater sehr genau klären müssen, wer sein Auftraggeber ist und welche Ziele sein Mandat umfasst. Was viele, und unter ihnen auch Chefredaktoren von grossen Tageszeitungen nicht verstehen: Die Kommunikationsstelle des Departements kann in einer Krisensituation sehr wohl eine völlig andere Zielsetzung verfolgen wollen als die in der Kritik stehende Verwaltungsabteilung. Angenommen, bei der Krise ginge es um einen Arbeitskonflikt: In dieser Konstellation wäre jedermann klar, dass der Rechtsvertreter des Arbeitgebers, beispielsweise des Departements, nicht gleichzeitig die Interessen des angestellten Chefbeamten vertreten kann. Gerade in Verlaufe von Krisensituationen zeichnet sich häufig ab, dass die Interessen und Zielsetzungen auch derjenigen Parteien, die zu Beginn vielleicht auf der gleichen Seite stehen, sich mit zunehmendem Verlauf eben ausdifferenzieren.

Zum zweiten: Krisensituationen ist inhärent, dass sie innerhalb von kürzester Zeit einen hohen Arbeitsanfall generieren, gerade auch in der Kommunikation. Krisenkommunikation heisst denn auch, alle Anspruchsgruppen rechtzeitig mit den zuvor definierten Botschaften zu bedienen, im Idealfall gar über dialogische und nicht rein monologische Kanäle. Diese enormen Kapazitäten während Zeiten des Courant normal vorzuhalten, ist betriebswirtschaftlich unsinnig. Auch hier greift deshalb die populistische Kritik zu kurz: Hinterfragt werden müsste vielmehr eine Kommunikationsabteilung, die in einer Krisensituation ohne zusätzliche Verstärkung auskommt: Bei ihr liegt der Verdacht nahe, dass Überkapazitäten bestehen.

Zum dritten: Ähnlich wie Medizin oder Juristerei ist die Kommunikation unterdessen eine ausdifferenzierte Disziplin. Die Spezialistinnen und Spezialisten für Investors Relations oder Produkte-PR arbeiten mit anderen Instrumenten und Prozessen als die Kolleginnen und Kollegen in der Krisenkommunikation. Von einem Kommunikationsverantwortlichen zu verlangen, Krisenkommunikation gleich auch noch zu beherrschen, bedeutet etwa dasselbe, wie vom Hausarzt zu erwarten, dass dieser bei einem Herzinfarkt gleich in der Arztpraxis und ambulant drei Bypässe legt. Die Forderung zeugt deshalb vor allem von einem: der Ignoranz gegenüber einer ganzen Disziplin.

Das Problem der Karriereplanung

[vc_row][vc_column width=“1/1″][vc_single_image image=“817″ img_link_target=“_self“][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text]Andrea Vetsch heisst die neue Moderatorin von 10vor10. Das ist eine gute Nachricht. Insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt, wer zuletzt alles als mögliche Nachfolgerinnen – die Vorstellung, die Funktion mit einem Mann zu besetzen, war offenbar so abartig, dass sie gar nicht erst verfolgt wurde – genannt worden war.

Andrea Vetsch ist immerhin Journalistin seit 1999, seit 2001 als Redaktorin und Moderatorin bei der TAGESSCHAU. In dieser Rolle macht sie einen hervorragenden Job: souverän, handwerklich solide, sympathisch.

Längere Erfahrung als Inland- oder Auslandkorrespondentin hat sie indes nicht, ein Hintergrund als Bundeshauskorrespondentin fehlt ihr ebenso wie auch nur sporadische Einsätze an einzelnen Hotspots dieser Welt. Zuletzt Schlagzeilen gemacht hat sie nicht aufgrund ihrer journalistischen Kompetenz, sondern weil sie im letzten Sommer Mutter einer Tochter geworden ist.

Das Problem: SRF tut sich schwer damit, aus dem eigenen Nachwuchs systematisch journalistische Persönlichkeiten heranzubilden. Nicht, dass da keine Talente wären. Arthur Honegger, Jonas Projer, Andrea Vetsch, Wasiliki Goutziomitros und wie sie alles heissen: Talente gäbe es genug. Nur: ein systematischer Karriereaufbau findet nicht statt. Projer wird nun, als Korrespondent aus Brüssel abberufen, zum neuen ARENA-Moderator. Und das, obwohl er weder Bundeshaus-Erfahrung noch Moderationserfahrung in dialogischen Sendegefässen sammeln konnte. Andrea Vetsch soll uns als 10vor10-Moderatorin die Welt erklären, die sie doch selbst als Journalistin nur aus dem Leutschenbach kennt.

Vielleicht lohnte sich ein Blick ins Ausland: Marietta Slomka beispielsweise, Moderatorin des HEUTE JOURNALS beim ZDF, begann als Parlamentskorrespondentin, arbeitete an Dokumentationen wie ihren Reportage-Reihen «Unterwegs in China» und «Afrikas Schätze» und veröffentliche zwei Bücher («Kanzler lieben Gummistiefel: So funktioniert Politik» und «Mein afrikanisches Tagebuch: Reise durch einen Kontinent im Aufbruch».

Der ARD-Tagesthemen-Moderator Thomas Roth war u.a. Korrespondent in Südafrika, Studioleiter und Korrespondent in Moskau, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin oder Studioleiter und Korrespondent in New York.

Slomka wie Roth sind journalistische Persönlichkeiten, von denen ich mir als Zuschauer gerne die Welt erklären lasse. Weil ich weiss, dass sie sie gesehen haben. Und weil sie das ausstrahlen, ohne in ihren Texten vor Narzissmus zu zerfliessen.

Wohlverstanden: Die Kritik richtet sich nicht gegen die erwähnten Medienschaffenden. Endlich erwachen müsste die Führung. Indem ein Talentpool gebildet wird, in dem Karriere-Aufbau betrieben wird und die erkannten Talente über mehrere Stationen an Aufgaben wie die Moderation einer grossen tagesaktuellen Hintergrundsendung herangeführt werden.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

Grösse zeigt sich in der Niederlage

Für die Sportlerinnen und Sportler, die gegenwärtig in Sotschi um Medaillen kämpfen, dürfte es eine Banalität sein. Für viele Politikerinnen und Politiker hingegen offenbar nicht: Die Tatsache, dass sich kommunikative Grösse insbesondere in Niederlagen zeigt.

Interessant diesbezüglich, was das «Ja» einer knappen Mehrheit der Bevölkerung zur SVP-Masseneinwanderungs-Initiative bewirkt. Massenweise verfallen da Spitzenpolitker hüben wie drüben der emotionalen Falle und zeigen sich als schlechte Verlierer oder arrogante Gewinner. Besonders demaskierend zeigen sich viele Politiker der Pol-Parteien.

Beispielsweise SP-Parteipräsident Christian Levrat. Er will die Regionen abstrafen, die sich erfrechten, gegen seine persönliche Haltung (und damit für die Masseneinwanderungsinitiative) gestimmt zu haben. Diejenigen Regionen mit den meisten Ja-Stimmen sollen deshalb am wenigsten Kontingente erhalten. – Mit derselben Logik müsste Levrat dann ja auch fordern, dass diejenigen Gemeinden mit den höchsten Nein-Stimmen Anteilen bei der Zweitwohnungsinitiative mehr gesetzliche Ausnahmebewilligungen erhielten. Und bei Ausbauvorlagen für den öffentlichen Verkehr würden dann diejenigen Gebiete mit besonders hohen Ja-Stimmen-Anteilen auch überproportional an den Kosten beteiligt?

Ähnlich entlarvend das Votum von ex-SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner. Er verlangt, dass über die Vorlage noch einmal abgestimmt werden müsse. – Die Bevölkerung sei sich der Folgen dieses Jas nicht bewusst gewesen. – Motto: Stimmst Du nicht, wie es mir passt, wird solange abgestimmt, bis das Ergebnis dann doch noch stimmt. – So kann man Demokratie natürlich auch verstehen.

Aber auch die Gewinnerseite zeigt Emotionen am falschen Ort: So gelingt es SVP-Scharfmacher Christoph Mörgeli, im Ausland so provokativ aufzutreten, dass tatsächlich das Bild entstehen muss, die Schweiz sei nun zu einem Volk von Ausgrenzern und Rechtsaussen-Sympathisanten mutiert. Einen demokratisch legitimierten Aussenminister als «Funktionär» zu beleidigen, macht aussenpolitisch auf jeden Fall überhaupt keinen Sinn – schon gar nicht, wenn es sich um den Aussenminister eines anderen kleinen Landes handelt, mit dem besser die Gemeinsamkeiten gesucht als Differenzen aufgebaut werden sollten.

Was wäre eine nüchterne, staatsmännische Analyse? Wohl die, dass eine knappe Mehrheit der Bevölkerung die Probleme mit der Zuwanderung unterdessen offenbar für so gravierend hält, dass sie auch einem Lösungsvorschlag zustimmt, der mit einigen Unsicherheiten für die Zukunft behaftet ist. Und dass es die Gegner der Initiative offenbar nicht zustande brachten, der Bevölkerung glaubwürdig aufzuzeigen, dasss sie andere als die vorgeschlagenen Massnahmen der SVP-Initiative ergreifen würden, um die offensichtlichen Probleme anzugehen.

Fazit: Es fehlt der Schweizer Politik definitiv an Staatsmännern.

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