Im Zusammenhang mit der «Carlos»-Affäre wurde hie und da gefragt: Warum brauchen Amtsinhaber der öffentlichen Verwaltung in der Krise externe Kommunikationsberater? – Das müssten doch auch die internen können. – Warum es sie braucht zeigt – ausgerechnet – #gerrygate.

Nein, wir sprechen für einmal nicht von Gerry Müller. Wir sprechen von Sascha Wigdorovits. Als «PR-Profi» wird er gerne apostrophiert, auch mal als «Mann fürs Grobe». Seit einigen Tagen wissen wir: offenbar hat er eigenhändig die Kulissen geschoben, als es darum ging, die unappetitliche Geschichte von Badens Stadtammann und seinen Nackt-Selfies anzurichten.

Und wie reagiert der PR-Profi, als er plötzlich selbst im Mittelpunkt des Skandals steht? Er lügt er sich um seine ganze Glaubwürdigkeit, indem er die Berichterstattung über sein Engagement in der Sache als «frei erfunden» kritisiert. Scheibchenweise gesteht er ein, was sich nicht mehr leugnen lässt – etwa, dass er sich noch letzte Woche im SMS-Austausch mit der Empfängerin der Nackt-Selfies von Müller befand.

Ironischerweise postuliert Wigdorovits selbst, wenn immer er gefragt wird, dass die Wahrheit und nichts als die Wahrheit Kern und Ausgangspunkt jeder Krisenkommunikation sein müsse.

Noch besser dann am Sonntag: Nachdem die SONNTAGSZEITUNG seine Rolle kritisch beleuchtet, schwingt Wigdorovits die Antisemitismus-Keule (Nachzulesen unter www.persoenlich.com) und verunglimpft Journalisten. Damit verletzt er eine weitere goldene Regel der Krisenkommunikation: Keine Medienschelte (und falls doch, dann muss das wohlabgewogen und am besten durch andere Absender erfolgen).

Fazit: Wigdorovits, dem Tagesansätze von CHF 5000.– nachgesagt werden, hat als Krisenkommunikator in eigener Sache kolossal versagt. Und so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

Kann man Widgorovits das zum Vorwurf machen? Nein! 

Warum? Weil auch unsere Erfahrung immer wieder zeigt: Wer selbst in eine Krise gerät, riskiert den «Tunnelblick». Will heissen: Nimmt nur noch seine eigene Realität wahr und verschliesst sich einer neutralen, kühlen Sichtweise der Situation. Genau diese ist aber nötig, um ein Problem sachgerecht zu lösen. Mediziner haben das schon lange erkannt: So operiert kein Chirurg seine eigenen Angehörigen. Auch in der Gilde der Juristen ist das Phänomen bekannt: Kein Rechtsanwalt verteidigt sich selbst. Er lässt sich verteidigen.

Dasselbe sollte für den Krisenkommunikator gelten, der selbst in eine Krise gerät.

Und erst recht für all diejenigen, für die – hoffentlich – das Krisenmanagement nicht das Kerngeschäft ihrer Tätigkeit bildet, weil sie nämlich, zum Beispiel als Kader in einer Verwaltung, für anderes angestellt sind. Auch hier gilt: In einer Krise tut die Aussensicht not, um die Gefahr des Tunnelblicks abwenden zu können.

Wie figura zeigt, ist der Zuzug eines externen Helfers, der kritisch den Spiegel vorhält und damit einen wesentlichen Beitrag zur Krisenbewältigung leisten kann, ein Zeichen von Charakterstärke, und nicht von Schwäche, wie da gelegentlich von Laien behauptet wird.