Zur Ganser-Arena

Vieles wurde geschrieben zur Arena vom 24. Februar 2017 , in der es gemäss Affiche eigentlich um den Umgang von US-Präsident Donald Trump mit den Medien gehen sollte. Eingeladen dazu waren mit SVP-Haudegen Claudia Zanetti, Historiker Daniele Ganser, Tele-Basel-Programmleiterin Karin Müller und SRF-Latetalker Roger Schwawinski vier Gäste, die allesamt zur aufgeworfenen Frage kein ersichtliches Experten-Wissen vorzuweisen hatten, welches eine Einladung in die Sendung gerechtfertigt hätte.

Näju denn.

Zum eigentlichen Medienskandal geriet dann aber, dass Arena-Moderator Jonas Projer seinen Gast Daniele Ganser regelrecht vorführen wollte, indem er ihm unterstellte, er würde doppelzüngig argumentieren und die Unwahrheit sagen. Was war passiert? Ganser war rund einen Monat vor der ARENA Teil einer Ausgabe der Sendung EINSTEIN des Schweizer Fernsehens vom 26. Janua r2017, in der allerlei Verschwörungstheorien aufgetischt wurden. Darunter hochgradig gefährliche und heikle wie diejenige über eine jüdische Weltverschwörung (welche im Nationalsozialismus als Rechtfertigungen für die Verfolgung der Juden diente), aber auch weitherum akzeptiere, wie diejenige über den Mord an US-Präsident John F. Kennedy, wo die offizielle Darstellung, es habe sich um die Tat eines Einzeltäters gehandelt, von 80 Prozent der Bevölkerung Amerikas als unglaubwürdig beurteilt wird.

Mittendrin die Arbeit des Historikers Ganser, der die Frage stellt, ob insbesondere das WTC-9, ein Gebäude des Word-Trade-Centers, das am 11. September 2011 tatsächlich ohne Flugzeug-Einschlag in sich eingestürzt war, möglicherweise kontrolliert gesprengt worden war. Ganser hatte im Anschluss an die Sendung in den Social Media kritisiert, dass die Einstein-Sendung seine kritischen Fragen als Verschwörungstheorie abtue. In einer E-Mail an den zuständigen Redaktor hatte Ganser geschrieben, er habe die Darstellung seiner Forschung als korrekt, die Einbettung und Vermengung mit den teils kruden Verschwörungstheorien aber als problematisch empfunden. Aus diesem Umstand versucht Projer nun die Doppelzüngigkeit Gansers zu konstruieren, indem er behauptete, in den Social Media würde Gasnser kritisieren, was er in einer internen E-Mail lobte.

In der Medienkritik wurde daraufhin insbesondere kritisiert, dass Ganser schon zu Beginn der Sendung als „umstrittener Publizist“ vorgestellt wurde (wie beispielsweise Schawinski genauso charakterisiert werden könnte, aber nicht wurde) und später ohne sein Wissen oder Einverständnis ein Ausschnitt des (und nicht der vollständige)  E-Mailverkehr von Ganser mit der Redaktion von EINSTEIN gezeigt wurde.

Nun mögen diese Fragestellungen durchaus berechtigt sein, wesentlicher scheint mir ein anderer Punkt. Ein professionelles journalistisches Selbstverständnis sollte sowohl vom Moderator als auch von den anderen beiden geladenen Medienschaffenden verlangen, dass sie auf der Seite derjenigen stehen, die Fragen stellen, und sehr wohl auch kritische Fragen. Das ist der genuine Auftrag der Medienschaffenden, ihre „Raison d‘ être“.  Wenn aber das Gegenteil passiert und Medienschaffende dazu übergehen, für sich die Wahrheit zu reklamieren (z.B. Schawinski, der Ganser entgegenhält: „9/11 ist untersucht, darüber rede ich nicht mit ihnen.“), dann sollte das zu höchster Vorsicht mahnen.

Insofern ist diese ARENA tatsächlich ein Beispiel dafür, wie es nicht geht. Wenn Moderatorinnen und Moderatoren über Wahrheit und Unwahrheit richten, wenn sie glauben, im Besitze der richtigen Sichtweise zu sein, haben sie längst ihre Aufgabe verlassen. Das hat sich am Beispiel der Wahl des US-Präsidenten Donald Trump gezeigt. Bis heute sind sich viele Moderatorinnen und Moderatoren in dieser Frage selbst zu nahe, wenn sie meinen, diese Wahl als Unfall oder Unvermögen des amerikanischen Volkes darzustellen. Damit wir uns richtig verstehen: Die Zuschauerinnen und Zuschauer haben selbstverständlich das Recht, das so zu sehen. Und die Medienschaffenden haben das Recht auf ihre eigene Meinung. Alleine: Sie mögen sie für sich behalten und dem Publikum ihr eigenes Urteil überlassen.

 

Und jetzt weiss es jeder

Und jetzt weiss es jeder

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Es ist eine der schwierigsten Aufgaben, denen wir Kommunikationsexperten ausgesetzt sind: Eine Zeitung berichtet eine Unwahrheit, manchmal auch eine Wahrheit, oft eine Belanglosigkeit aus längst vergangenen Tagen. Objektiv betrachtet tendiert die Halbwertszeit solcher Veröffentlichungen in vielen Fällen gegen Null. Solange einem Wirtschaftskapitän, Amtsdirektor oder politischen Opinion-Leader nicht gerade Straftaten vorgeworfen oder ein so vollumfängliches Versagen unterstellt wird, dass ein Karriereknick unabwendbar erscheint, ist eine solche Publikation deshalb meist nicht weiter nennenswert.

Ausser dass, und das passiert regelmässig, die Betroffenen selbst sehr viel sensibler auf solche Publikationen reagieren. Je weniger Gegenwind sie auf ihrer Position gewohnt sind, umso schmerzhafter ist es für sie, wenn ihnen ein Medienschaffender ans Bein pinkelt mit irgend‘ einer Lappalie. Das ist menschlich verständlich und nachvollziehbar. Genau so wie ihr Wunsch, die eigene Kommunikationsabteilung möge gemeinsam mit dem Legal Office nicht nur den Medienschaffenden selbst, sondern am besten auch gleich noch seinen Chefredaktor und auch noch den Verleger strafrechtlich belangen wegen übler Nachrede, eventualiter Verleumdung, Falschanschuldigung, Beleidigung und was da sonst noch alles in Frage kommt.  Zeitgleich, so der verständliche Wunsch, möge jedem Individuum auf dem Planeten mitgeteilt werden, dass die publizierte Darstellung sachverhaltswidrig sei und sich in Wahrheit alles ganz anders zugetragen habe.

Wie gesagt: Diese Reaktion ist menschlich noch so verständlich. Wer lässt sich schon gerne von einem Journalisten vorführen, der meist schlecht recherchiert von von dritt- oder viertklassigen Quellen zugetragene Hören-Sagen-Geschichten veröffentlicht. – Und sich dann hinter dem Quellenschutz verstecken darf, wenn man von ihm wissen möchte, wer denn solchen Unsinn erzähle.

Dennoch: Den noch so nachvollziehbaren Rache- oder Korrekturgelüsten nachzugeben ist meist der grösste Fehler, den es in der Situation zu machen gibt. Und hier zeigt sich die Qualität sowohl der internen Kommunikationsfachleute als auch der externen Partner: Gelingt es ihnen, ihre Patrons von den Gegenmassnahmen abzuhalten, die dann nämlich erst zur Folge haben, dass ein jeder wahrnimmt, was ansonsten kaum einer gelesen und sich schon gar nicht memoriert hätte. Denn fast immer sind es erst die Dementis und Strafanzeigen, die dann so richtig Medienkarriere machen und auch noch im Hinterpfupfinger Anzeiger zu einer Geschichte werden.

Die Migros und ihre Kommunikation hat heute diesbezüglich nicht eben geglänzt. Was war passiert? Die Bilanz hatte in einem Artikel zur Frage, wie es nach dem Abgang von Dieter Berninghaus weitergehen möge, im Konjunktiv von nicht genannten internen Quellen geschrieben, es hätte offenbar ab und an laute Auseinandersetzungen zwischen Berninghaus und CEO-Herbert Bolliger gegeben. Das hätte wohl kaum einen weiter interessiert, hätte nicht die Migros mit der grossen Keule zurückgeschlagen und über den grösstmöglichen Verteiler eine Gegendarstellung nachgereicht, diese Darstellung sei so falsch. Was sie damit erreicht hat? Dass sich jetzt ein jeder überlegt, ob es vielleicht doch so gewesen sein könnte wie von der Bilanz berichtet. Sogar die, welche noch nie eine Bilanz in der Hand hatten.

 

Mehr dazu:

Das Communiqué der Migros

Der Artikel in der Bilanz

Und die prompte Reaktion des Boulevards

 

Fragwürdige Krisenkommunikation bei der NZZ

Es ist immer wieder frappierend, wie gerade Kommunikationskonzern scheitern, wenn es um Krisenkommunikation geht. Jüngstes Beispiel: Die NZZ. Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod macht dabei eine erdenklich schlechte Falle.

Vorweg: Es geht hier nicht um die Frage, ob die Entmachtung von NZZ-Chefredaktor Markus Spillmann inhaltlich gerechtfertigt war oder nicht. Ob er mit seinen vielen Aufgaben überfordert, publizistisch zu bescheiden, strategisch zu wenig visionär war oder in verschiedenen Situationen unglücklich agierte. Das mögen Experten beurteilen, welche näher dran waren an dem Geschehen an der Falkenstrasse in Zürich. Es geht hier auch nicht um die Frage, ob ein «Statthalter Blochers», wie Markus Somm sich gemäss SCHWEIZ AM SONNTAG selbst mal bezeichnet haben soll, als neuer Chefredaktor eingesetzt werden soll und damit «schlimme Befürchtungen (…) zur Gewissheit» werden, wie INFOSPERBER.CH polemisiert.

Die einzige Frage, die hier diskutiert werden soll: Wie metzget sich die NZZ in der Kommunikation dieser heiklen Situation?

Allein die Tatsache, dass die Entmachtung eines Chefredaktors in der Geschichte der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG einen singulären Vorgang darstellt, hätte dem Verwaltungsrat der NZZ klarmachen müssen, dass nun eine rasche, klare und transparente Kommunikation nötig ist, nach innen und nach aussen. Zugute zu halten ist ihm, dass das Unternehmen in seinem ersten Communiqué am 6. Dezember 2014 einigermassen deutlich kommuniziert, dass der Grund für den Rücktritt vom Verwaltungsrat aus ging und ein Konflikt zu Grunde lag. – Ein richtiger Entscheid aus der Sicht der Krisenkommunikation, denn dass Spillmann nicht einfach aus dem blauen Himmel heraus den Bettel hinwirft, wäre so oder so innert Minuten klar geworden.

Allerdings hätte dem Verwaltungsrat bei dieser Ausgangslage von vornherein klar sein müssen, dass mit einer solchen Meldung sofort die Frage heiss diskutiert würde, wer nun denn Nachfolger von Spillmann werden solle beziehungsweise, weil ja das Ansinnen war, die Last der Publizistik auf mehr Schultern zu verteilen, wie das denn konkret vonstatten gehen sollte.

Hier ist das erste Versagen des obersten NZZ Führungsgremiums zu konstatieren. Statt in weiser Voraussicht so zu planen, dass bis zum Zeitpunkt der Eskalation mit der Mitteilung von Spillmanns Rücktritt als Chefredaktor alle offenen Fragen geklärt sind – und auch kommuniziert werden können – liess der Verwaltungsrat mit Etienne Jornod an der Spitze ein Informationsvakum entstehen. – Das Problem ist indes nicht primär ein Kommunikationsproblem, es ist ein operatives Problem und zeugt von schlechtem Management. Schlimm genug, dass im gesamten Verwaltungsrat offenbar kein Kommunikationsspezialist sitzt, der rechtzeitig auf das Problem aufmerksam gemacht hatte – oder das Gewicht hatte, von Jornod auch gehört zu werden. Schlimm genug auch, dass offenbar niemand im Verwaltungsrat mit dem Redaktionsstatut so weit vertraut ist, als dass er oder sie wüsste, dass die Redaktion ein Mitspracherecht hat bei der Ernennung eines Chefredaktors. – Vielleicht aber auch ein erster Hinweis darauf, dass sich halt ein Verwaltungsratspräsidium bei einer so exponierten Gesellschaft wie der NZZ schlecht als Hobby betreiben lässt, wie das Etienne Jornod tut.  – Jornod ist gemäss Moneyhouse zum aktuellen Zeitpunkt – 15.12.2014 – Mitglied oder Präsident in 23 Verwaltungsräten!

Am Sonntag folgte dann der Super-GAU. In einem Artikel der SCHWEIZ AM SONNTAG berichtet Autor Christof Moser (#christoph_moser) ausführlich, dass offenbar hinter den Kulissen der Mist längst geführt sei. Der heutige BAZ-Chefredaktor Markus Somm nämlich solle das Erbe von Spillmann antreten. Somm, dem zusammen mit Christoph Blocher und Verlagsmanager Rolf Bollmann die BAZ zu einem Drittel gehört und der eine autorisierte Biografie über Christoph Blocher geschrieben hat, löst umgehend heftige Abwehrreaktionen auf der NZZ-Redaktion aus. –  Dem ECHO DER ZEIT von SCHWEIZER RADIO DRS wird, auf entsprechende Nachfrage, beschieden, NZZ-Verwaltungsratspräsident Jornod befinde sich im Ausland, aus dem Verwaltungsrat sei niemand in der Lage, die Situation zu kommentieren.

Und darin liegt das zweite grosse Versagen in der Krisenkommunikation der NZZ. Wie fundiert der Artikel von Christoph Moser nun auch sei (und auf Anhieb wirkt er, sich immer wieder auf verschiedene Quellen abstützend, durchaus handwerklich korrekt) – eine Reaktion verlangt er auf jeden Fall. Und zwar umgehend. Mit seinem Schweigen aber stösst Jornod nicht nur die gesamte Redaktion der NZZ vor den Kopf, er desavouiert auch Markus Somm, so denn dieser tatsächlich im Rennen um Spillmanns Nachfrage gewesen sein sollte. Und er lässt zu, dass der NZZ ein enormer Reputationsschaden entsteht. Das Vorgehen erinnert stark an das dieses Kreuzschiff-Kapitäns, der nach einer Havarie nicht auf der Brücke war, sondern sich schnell absetzte. Ihm wird gegenwärtig der Prozess gemacht.

 

Falscher Absender

Falscher Absender

«Die Gier in Grenoble» titelt TAGES-ANZEIGER-Sportchef Fredy Wettstein und weint  Krokodilstränen. Wettstein ist zuwider, wie Medienschaffende das Spital in Grenoble belagern, um an Neuigkeiten zum Gesundheitszustand von Michael Schumacher zu erhalten. Payen, dem behandelnden Arzt, sei diese mediale Aufmerksamkeit zuwider. Schliesslich tue er im Falle Schumacher nichts anderes als bei den 250 anderen, die nach Sportunfällen jährlich in die Klinik eingewiesen werden. Wettstein hat viel Verständnis für den Zorn des Arztes darüber, dass man ihn nicht einfach seine Arbeit tun lässt.

Man mag mit Wettstein in der Sache übereinstimmen und durchaus Sympathien haben für die Sicht, wie pervers eine Mediengesellschaft geworden ist, die mit täglichen Live-Schaltungen des Todeskampf eines ehemaligen Spitzensportlers zum Massenereignis werden lässt.

Wenn der Sportchef des TAGES-ANZEIGERS das bedauert, ist es allerdings nichts mehr als plumpe Scheinheiligkeit. Demaskiert noch auf derselben Homepage, auf der er die eigene Branche kritisiert. Sie verlinkt nämlich direkt auf nicht weniger als 10! (in Zahlen: zehn) Geschichten des TAGES-ANZEIGERS selbst in der eben erwähnten Sache. Wettsteins kritische Note ist damit etwa so glaubwürdig wie der Hinweis des rauchenden Vaters an seine Kinder, sie sollen gefälligst die Hände von Zigaretten lassen.

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Scheinheilig: Tages-Anzeiger Sportchef kritisiert die mediale Gier nach News über den Gesundheitszustand Schumachers. Und macht im eigenen Blatt den ganzen Medienzirkus 1:1 mit.

Billige Polit-Propaganda

Es ist ein Muster jeder Ereignis- oder Krisenkommunkation:  Kaum ist ein Ereignis passiert, rufen bewegte und betroffene Politiker nach Massnahmen. Auch wenn die völliger Unsinn sind. 

Das jüngste Beispiel: Die Unfälle auf zwei Berner Bahnhöfen, die sich, wohl zufällig, in kurzer Zeit folgten.  Am Sonntagabend des 15. Dezember rangeln zwei Schwestern im eigentlich nicht mehr pubertären Alter von 32 und 33 Jahren auf einem Perron des Bahnhofs Bern-Wankdorf. Der durchfahrende Intercity Zug erfasst sie, beide kommen um. Für jeden, der die Berichterstattung liest, ist klar: Wer sich so verhält, darf sich nicht wundern.

Nur einen Tag später eine ähnliche Nachricht: ein junges Paar versucht im Bahnhof Bern-Bümpliz, die Geleise zu überqueren. Die Bildberichterstattung in 20min.ch zeigt klar: Das Schild «Überschreiten der Geleise verboten» ist auch in diesem Bahnhof wie auf allen deutlich sichtbar und in vier Sprachen angebracht.» Für jeden, der die Berichterstattung liest, ist klar: Wer sich so verhält, darf sich nicht.

Trotzdem geschieht, was immer geschieht nach solch‘ tragischen Vorfällen: Es lassen sich Politiker finden, die nicht zu blöd sind, nach Massnahmen zu rufen. Vorliegend sind es, so wiederum 20min.ch , die SP-Nationalrätin Bea Heim sowie der Berner BDP-Stadtrat Philip Kohli, die ebenso laut wie unqualifiziert nach «Massnahmen» rufen und damit drohen, sonst der SBB über politische Vorstösse Druck zu machen.

Für jeden, der die Berichterstattung liest, ist klar: Hier wollen sich zwei Politiker, die offenbar keine wirklich relevanten Themen zu bewirtschaften haben, auf ganz plumpe Art und Weise profilieren – und das noch auf Kosten der Allgemeinheit. Schliesslich kostet jeder politische Vorstoss viel Geld, und viel zu oft werden von Krisenstäben allein deshalb Massnahmen gesetzt, um dem Vorwurf der Untätigkeit zu entgehen. Ob die Massnahmen auch nötig, zielführend oder effizient sind, wird von den Medien genau so wenig kritisch hinterfragt wie die unsinnigen Politiker-Aussagen selbst.

Wie ist dem zu begegnen? Es hängt vom Temperament des Krisenstabs ab: Nicht auf jede unsinnige Forderung einzugehen, erfordert heutzutage einiges an Mut und die Fähigkeit, auch im Gegenwind zu erläutern, warum eine bewährte Praxis nicht wegen einem oder zwei auch noch so tragischen Fällen geändert werden soll und muss. Das lässt sich nämlich durchaus argumentativ vertreten – wenn man damit leben kann, dass eine pointierte Stellungnahme immer auch etwas Widerspruch provoziert. Wer diesen Widerstand nicht aushalten mag, schwimmt besser im Strom und erfüllt brav die Forderungen. Sollte sich dann aber auch mit der Frage auseinandersetzen, ob er in seiner Funktion tatsächlich richtig ist?!

Markus Gilli ist Journalist des Jahres

Schon die Auswahl war bezeichnend: Peter Hossli, Lukas Hässig, Simone Rau, Franziska Streun? Alles ehrenwerte Journalistinnen und Journalisten. Im einen oder anderen Fall haben Sie im ablaufenden Jahr sogar effektiv eine Geschichte recherchiert, die Relevanz hatte. Beispielsweise Lukas Hässig, der die unsägliche Abfindungssumme publik machte, die Daniel Vasella zum Abschied bei Novartis hätte nachgeworfen werden sollen. Just vor der Abstimmung über die Minder-Initiative lanciert, hat der Scoop vielleicht sogar etwas mit beigetragen zum Abstimmungsresultat.

Franziska Streun stand ebenfalls auf der Liste der Nominierten. Streun hat 2013 den «Mordfall Gyger» neu aufgearbeitet und ihre Recherchen in Buchform präsentiert. Gelöst hat sie den Fall nicht – der Mord bleibt auch 40 Jahre nach der Tat ungeklärt. Streune Problem: Man kennt sie nicht in der Szene. Und der Mordfall Gyger hat trotz dem Buch keine grosse Themenkarriere gemacht.

Nominiert war auch Rocchi Ludovic. Er hat 2013 Schlagzeilen gemacht, weil sein Haus nach einer Recherche über eine Plagiatsaffäre an der Universität Neuchâtel  durchsucht worden war. – Zu Unrecht, wie unterdessen gerichtlich festgestellt worden ist. Die Staatsanwaltschaft hatte massiv über die Stränge geschlagen. Das soll nicht die Leistung Ludovics schmälern, nur: Reicht die Rolle des Justizopfers, um Journalist des Jahres zu werden?

Offensichtlich nicht. Die 1630 Branchenvertreter, die eine Stimme abgegeben haben, entschieden sich für Markus Gilli. Im Gegensatz zu den erwähnten Kollegen hat der 2013 gar nichts vorzuweisen, ausser «Business as usual». Man mag ihm den Preis gönnen, der letztlich aber vor allem eins zeigt: den desolaten Zustand einer Branche.