Die «Mea Culpa»-Strategie

Es war das ganz grosse Skandalisierungspotential: Der Grüne Nationalrat und Badener Stadtammann Geri Müller habe Nackt-Selfies von sich an eine junge Frau geschickt, berichtete die SCHWEIZ AM SONNTAG im Artikel ihres Chefredaktors Patrik Müller am letzten Sonntag. Und noch schlimmer: Er habe die Frau bedroht, das Handy herauszugeben und sein Amt missbraucht, indem er ihr die Polizei auf den Hals hetzte.

Zwei Tage später hat Gerry Müller das Gesetz des Handelns an sich gerissen und sich in einer halbstündigen Medienkonferenz erklärt. Quintessenz seiner Aussage: Müller schämt sich für den Vorfall und die Schmuddel-Chats, bittet dafür um Entschuldigung, will aber seine Ämter nur abgeben, falls er realisiert, dass das Vertrauen in seine Person nicht mehr gegeben ist.

Was ist von dem Auftritt zu halten?

Zunächst hat Müller die richtige Strategie gewählt – schade, dass er recht viel Zeit brauchte, bis er auf die Vorwürfe reagierte. Müller selbst rechtfertigt das mit dem Druck, der auf ihm gelastet habe. Das ist nachvollziehbar – genau deshalb plädieren wir auch immer dafür, in einer Krisensituation die Betroffenen und auch die Mitglieder des Krisenstabes durch Profis zu betreuen. Dadurch kann sichergestellt werden, dass Betroffene auch in grossen Belastungssituationen durchhalten – die halbe Miete in solchen Fällen. Und aus demselben Grunde ist es häufig auch nötig, in solchen Belastungssituationen zusätzliche externe Hilfe von aussen zu holen. Schlicht, weil die Fülle der Aufgaben von einem Kleinst-Team nicht zu bewältigen ist. Gut beraten sind natürlich diejenigen, welche sich rechtzeitig um Partner für solche Situation umgesehen haben und  im Ereignisfall nicht erst noch suchen müssen.

In der Krisenkommunikation werden verbale, paraverbale und nonverbale Ebene der Kommunikation von allerlei Auguren bis ins Detail analysiert. Müller wirkte in seiner Medienkonferenz niedergeschlagen, übernächtigt, belastet – einen Wahlkampf würde er auf diese Art nicht gewinnen können. In der gegebenen Krisensituation wirkt das alles aber goldrichtig. Die Schusseligkeit, dass es ihm zu Beginn der Konferenz nicht einmal mehr gelingen mag, eine Mineralwasserflasche zu öffnen, wirkt authentisch und wird vom Publikum als Bestätigung dafür empfunden, wie stark er unter Druck stehen muss.

Details in der Wortwahl pflegen

Auf der verbalen, also der Wort-Ebene, machen wir einige Details aus, die verbesserungswürdig sind. Müller spricht zum Beispiel «eine dunkle Seite» an, die er habe. Eine solche Aussage ist geeignet, in den Köpfen des Publikums ein düsteres Bild und weitere Fragen entstehen zu lassen. Umso mehr, wenn diese Aussage dann zur Titel- und Schlagzeile vieler Veröffentlichungen wird. Wir empfehlen, in einer Krisensituation auf die Lösung, auf die Lehren, auf die Zukunft zu fokussieren. Wichtig ist auch, nur über eigene Handlungen, Beobachtungen und Wahrnehmungen zu sprechen – und nicht über diejenigen von involvierten Dritten. Müller erzählt z.B. von einer Hausdurchsuchung, die stattgefunden habe. Das erscheint im Moment unproblematisch, trotzdem spricht er über eine Aktion von Dritten, nämlich der Kantonspolizei Bern – was er nicht tun sollte. Heikler wird es, wenn er aussagt, weder die Frau noch er hätten sich je belästigt gefühlt. In der Praxis zeigt sich, dass diese Dritten, für die stellvertretend Aussagen gemacht werden, sich hernach oft selbst zu Wort melden – möglicherweise mit einer abweichenden Darstellung, was dann häufig Probleme verursacht und die Frage aufwirft, ob da wirklich ehrlich kommuniziert worden war.

Ein letzer Punkt: Müller hat am Schluss seiner Medienkonferenz keine Fragen der Medienschaffenden mehr beantwortet. Dieses Verhalten ist geneigt, beim Publikum den Eindruck zu erwecken, dass Müller doch noch Dinge zu verstecken hat oder kritische Fragen scheut. Wenn er dann am selben Tag abends im CLUB des SCHWEIZER FERNSEHENS doch auftritt und sich Fragen stellen lässt, wird das von vielen der Medienschaffenden, welche diese Chance nicht erhalten haben, als Affront empfunden werden. Eine gut moderierte, zeitlich begrenzte Fragerunde am Ende der Medienkonferenz hätte dem entgegen gewirkt.

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Einschätzung des Kommunikations-Experten Roland Binz (Blog)

Interview mit Kommunikationsexperte Roger Huber in 20MINUTEN

 

«watson» ist online

«watson» ist online

«Watson» heisst ein neues Schweizer Nachrichtenportal, das seit geraumer Zeit in der Schweizer Medienlandschaft viel zu reden gibt. Gründer Hansi Voigt hat dafür 50 Journalistinnen und Journalisten zusammengeprügelt, darunter etliche, die durchaus über einen Namen verfügen. Viele stammen von 20minuten online, wo Voigt früher selbst als Chefredaktor tätig war. 

Seit dem 21. Januar ist das neue Schweizer Newsportal watson nun online geschaltet. – Vorerst in einer Beta-Version. Watson-Gründer Hansi Voigt begründet das wie folgt: «Wenn man die Erwartungen eh nicht erfüllen kann, kann man auch einfach loslegen. Wir starten also. In einer Beta-Version. Sie können uns also ab sofort dabei zuschauen, wie wir Fehler machen, hoffentlich daraus lernen, unser Newsportal laufend verbessern und Ihre Inputs einbauen.»

Watson will sich als Portal verstehen, das auf Crowdsourcing setzt: also die Leserinnen und Leser, welche die Plattform mit Inhalten oder zumindest Ideen füllen. Danebst kann die Redaktion auf viele Artikel von Kooperationspartner Spiegel online zurückgreifen. Und verspricht, als erster Newsportal der Schweiz die Idee von HTML, also die Verlinkung und Weiterverweisung auf andere Quellen, konsequent umsetzen zu wollen.

Bezahlt wird das Projekt vom Verlagshaus des Aargauer Verlegers Peter Wanner (AARGAUER ZEITUNG, TELE M1, TELE ZÜRI), offiziell wird mit Kosten von 20 Millionen CHF «für die nächsten drei bis vier Jahre» gesprochen. Andere Stimmen rechnen vor, dass Wohl ein Betrag von CHF 10 Mio pro Jahr den Verhältnissen  eher gerecht werde.

www.watson.ch

Neue Inhalte oder «more of the same»? Am ersten Tag präsentiert Watson vor allem, was auch andernorts schon zu lesen ist.

Die Medienbranche beobachtet das Projekt auf jeden Fall mit grossem Interesse. Der Launch der neuen Internet-Seite von BLICK AM ABEND vor kurzem wurde von Ringier mehr oder weniger unverhohlen als vorgezogene Reaktion auf WATSON verkauft. Aber auch 20min.ch dürfte das neue Newsportal direkt angreifen. Zwei Fragen bleiben dabei zentral: Gelingt es WATSON tatsächlich, sich unter den Top 3 der Schweizer Newsportale zu etablieren, wie das Voigt vorschwebt? Und zum zweiten: Kann WATSON auch inhaltlich Akzente setzen, oder bietet die Plattform vor allem «more of the same»?

Falscher Absender

Falscher Absender

«Die Gier in Grenoble» titelt TAGES-ANZEIGER-Sportchef Fredy Wettstein und weint  Krokodilstränen. Wettstein ist zuwider, wie Medienschaffende das Spital in Grenoble belagern, um an Neuigkeiten zum Gesundheitszustand von Michael Schumacher zu erhalten. Payen, dem behandelnden Arzt, sei diese mediale Aufmerksamkeit zuwider. Schliesslich tue er im Falle Schumacher nichts anderes als bei den 250 anderen, die nach Sportunfällen jährlich in die Klinik eingewiesen werden. Wettstein hat viel Verständnis für den Zorn des Arztes darüber, dass man ihn nicht einfach seine Arbeit tun lässt.

Man mag mit Wettstein in der Sache übereinstimmen und durchaus Sympathien haben für die Sicht, wie pervers eine Mediengesellschaft geworden ist, die mit täglichen Live-Schaltungen des Todeskampf eines ehemaligen Spitzensportlers zum Massenereignis werden lässt.

Wenn der Sportchef des TAGES-ANZEIGERS das bedauert, ist es allerdings nichts mehr als plumpe Scheinheiligkeit. Demaskiert noch auf derselben Homepage, auf der er die eigene Branche kritisiert. Sie verlinkt nämlich direkt auf nicht weniger als 10! (in Zahlen: zehn) Geschichten des TAGES-ANZEIGERS selbst in der eben erwähnten Sache. Wettsteins kritische Note ist damit etwa so glaubwürdig wie der Hinweis des rauchenden Vaters an seine Kinder, sie sollen gefälligst die Hände von Zigaretten lassen.

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Scheinheilig: Tages-Anzeiger Sportchef kritisiert die mediale Gier nach News über den Gesundheitszustand Schumachers. Und macht im eigenen Blatt den ganzen Medienzirkus 1:1 mit.

Ein neues TV für die Schweiz

Ein neues TV für die Schweiz

Blick in die TV Regie von Tele M1

TV24 – so heisst eine neue Schweizer TV-Station, die im Laufe des Jahres 2014 ihren Betrieb aufnehmen soll. Hinter dem Projekt steckt die AZ-Gruppe des Aargauer Verlegers Peter Wanner. Zu seinem Medien-Imperium gehören heute schon diverse TV-Stationen, nämlich Tele M1 (Aargau und Solothurn), Tele Züri (fast gesamte Deutschschweiz) und Tele Bärn (Grossagglomeration Bern).

Wie die AZ Medien schreiben, werde TV24 «das vorhandene TV-Portfolio der AZ Medien» ergänzen.  Der neue TV-Sender soll gemäss eigenen Aussagen Schweizer Eigenproduktionen, Dokumentationen, Serien und Spielfilme als auch lokale und überregionale News aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Sport ausstrahlen.

Wie die Aargauer Zeitung (aus dem gleichen Hause) am Montag auf ihrer Internetseite schreibt, soll die Verbreitung insbesondere über Kabel erfolgen. Neues Personal werde nicht oder erst schrittweise eingestellt – dies lässt darauf schliessen, dass der neue Kanal insbesondere mit Material aus den drei TV-Stationen bestückt werden soll – angereichert um einige Serien- oder Dokumentarfilm-Einkäufe.

Die Nachricht von der Lancierung des Senders hat entsprechend keine hohen Wellen geworfen – auf den eigenen TV-Kanälen war die Nachricht den Redaktionen gerade einmal eine Kurzmeldung wert.

SRF-Chefredaktor Diego Yanez neuer MAZ-Direktor

SRF-Chefredaktor Diego Yanez neuer MAZ-Direktor

Im März 2014 übernimmt Diego Yanez als neuer Direktor am Medienausbildungszentrum MAZ. Der Wechsel des bisherigen Chefredaktors des SCHWEIZER FERNSEHENS kommt für Beobachter überraschend: Yanez war erst vor rund drei Jahren zu dieser Position gekommen, im Rahmen des Konvergenzprojektes, also der Zusammenlegung von SCHWEIZER RADIO DRS und dem SCHWEIZER FERNSEHEN. – Allerdings war Yanez immer nur Chefredaktor des Fernsehens, die Chefredaktion des Radios legte die SRG-Führung in die Hände von Liz Borner.

 

Diego Yanez: Aus dem SRF-Chefredaktorensessel zum MAZ-Direktor. Quelle: SRF

 

In den Kommentarspalten der Schweizer Medien hat der Rückzug von Yanez keine grossen Wellen geworfen. Für die NZZ AM SONNTAG war Yanez «eine Stufe zu hoch» gestiegen in der Karriereleiter. Effektiv hat Yanez, der dem TV-Publikum vor allem aus seiner Zeit als Nahost-Korrespondent in Erinnerung sein dürfte, nach aussen während seiner Zeit als Chefredaktor keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Intern sei er, so die NZZAS, eher kumpelhaft denn autoritär aufgetreten.

Als Nachfolger für Yanez werden in der Presse in erster Linie die gegenwärtigen Redaktionsleiter gehandelt, und hier an erster Stelle Urs Leuthard. Der frühere ARENA-Moderator verfüge über ein «geradezu idealtypisches Profil», schreibt die Neue Luzerner Zeitung. Leuthard verfügt über 20 Jahre Erfahrung im Journalismus, könnte dem TV nach den blassen Figuren Haldimann und Yanez, deren Auftritte am Bildschirm nie an die Strahlkraft von Persönlichkeiten wie Erich Gysling oder Filippo Leutenegger heranreichten, wieder etwas Ausstrahlung bescheren.

In der Poleposition als SRF-Chefredaktor: Urs Leuthard. Quelle: SRF

blick.ch: so wird heute recherchiert

blick.ch: so wird heute recherchiert

Natürlich birgt die Geschichte auch nicht ein kleines Quentchen Relevanz. Ausser, dass sie zeigt, wie heute auf einigen Nachrichtenportalen Journalismus betrieben wird.

«Sie ist Leos neue Liebe» titelt blick.ch am 15. Oktober. Kat Torres sei die neue Geliebte des Hollywood-Schwarms, der die Frauen so schnell wechsle, wie man gar nicht guken (sic!) könne. Und im Lauftext: «Kat Torres (24) bestätigt gegenüber der brasilianischen Zeitung «Extra» die Beziehung zum Schauspieler. Er sei «einfach wunderbar», schwärmt sie.»

 

Eine Bestätigung würde heissen: Die Information stammt von woanders her, Frau Torres hat nun erklärt: Ja, diese Information ist wahr.

Zwei Tage später dann eine neue Geschichte: «Lügen haben lange Beine». Torres, so die neue Überschrift, habe die Lüge nur erfunden. Quelle dafür: Das Umfeld von Leo Di Caprio, aus dem verlautet, das Modell sei wohl auf der Suche nach einem neuen Modell-Vertrag
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Das traurige darin: Die Verluderung der journalistischen Sitten. Am Dienstag wird eine Geschichte ins Netz gehievt, ganz offensichtlich ohne jede Doppel-Check-Recherche. Der Leserschaft wird erst noch suggeriert, die Geschichte sei nicht nur behauptet, sondern gar «bestätigt». Zwei Tage später holt die Realität die Journalisten ein, die freimütig über ihr Versagen berichten – wahrscheinlich haben sie noch gar nicht bemerkt, dass die Lügengeschichte auf sie zurückfällt.

Übrigens: Ob die Version Di Caprios der Wahrheit entspricht, hat blick.ch natürlich nicht recherchiert. Warum sollte man auch?

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