Über das Beratergeschäft

Das Muster ist nicht neu: Wenn eine Geschichte nichts mehr hergibt, dann werden schliesslich noch die involvierten Berater ins Rampenlicht gezogen. Handelt es sich beim Auftraggeber um eine Verwaltungsstelle oder einen öffentlich-rechtlichen Betrieb, dann lässt sich oft und gerne über die Höhe der ausbezahlten Honorare die Empörungsindustrie noch einmal ankurbeln.

Das war auch im Fall «Carlos» nicht anders.

Es begann damit, dass die NZZ – peinlich genug für ein Blatt dieses Renomées – dem involvierten Kommunikationsberater allen Ernstes eine Amtsgeheimnisverletzung unterstellt. Die kann dieser schon alleine deshalb nicht begangen haben, weil er nie eine Amtsperson war – das aber eines der Tatbestandsmerkmale dieses sog. Sonderdelikts bildet. Aber gut.

Das Kesseltreiben geht dann in den vorhersehbaren Bahnen weiter. Leider lässt sich allerdings auch aus den Honorarnoten des beteiligten kein grosser Skandal machen: Durchschnittlich soll sein Honorar im Monat rund CHF 3600.– betragen haben. Das entspricht bei den branchenüblichen Ansätzen von etwa CHF 2’500.– bis CHF 4’000.– einem bis zwei Arbeitstagen pro Monat.

Bleibt also nur noch die Flucht in die letzte Bastion der Skandalisierung: Warum überhaupt ist der Beizug eines externen Beraters nötig, wo doch die Verwaltung über genügend interne Kommunikationsspezialisten verfügen sollte.

Indes, die Kritik greift gleich aus mehreren Gründen zu kurz:

Zum einen: ähnlich einem Anwalt wird auch ein Kommunikationsberater sehr genau klären müssen, wer sein Auftraggeber ist und welche Ziele sein Mandat umfasst. Was viele, und unter ihnen auch Chefredaktoren von grossen Tageszeitungen nicht verstehen: Die Kommunikationsstelle des Departements kann in einer Krisensituation sehr wohl eine völlig andere Zielsetzung verfolgen wollen als die in der Kritik stehende Verwaltungsabteilung. Angenommen, bei der Krise ginge es um einen Arbeitskonflikt: In dieser Konstellation wäre jedermann klar, dass der Rechtsvertreter des Arbeitgebers, beispielsweise des Departements, nicht gleichzeitig die Interessen des angestellten Chefbeamten vertreten kann. Gerade in Verlaufe von Krisensituationen zeichnet sich häufig ab, dass die Interessen und Zielsetzungen auch derjenigen Parteien, die zu Beginn vielleicht auf der gleichen Seite stehen, sich mit zunehmendem Verlauf eben ausdifferenzieren.

Zum zweiten: Krisensituationen ist inhärent, dass sie innerhalb von kürzester Zeit einen hohen Arbeitsanfall generieren, gerade auch in der Kommunikation. Krisenkommunikation heisst denn auch, alle Anspruchsgruppen rechtzeitig mit den zuvor definierten Botschaften zu bedienen, im Idealfall gar über dialogische und nicht rein monologische Kanäle. Diese enormen Kapazitäten während Zeiten des Courant normal vorzuhalten, ist betriebswirtschaftlich unsinnig. Auch hier greift deshalb die populistische Kritik zu kurz: Hinterfragt werden müsste vielmehr eine Kommunikationsabteilung, die in einer Krisensituation ohne zusätzliche Verstärkung auskommt: Bei ihr liegt der Verdacht nahe, dass Überkapazitäten bestehen.

Zum dritten: Ähnlich wie Medizin oder Juristerei ist die Kommunikation unterdessen eine ausdifferenzierte Disziplin. Die Spezialistinnen und Spezialisten für Investors Relations oder Produkte-PR arbeiten mit anderen Instrumenten und Prozessen als die Kolleginnen und Kollegen in der Krisenkommunikation. Von einem Kommunikationsverantwortlichen zu verlangen, Krisenkommunikation gleich auch noch zu beherrschen, bedeutet etwa dasselbe, wie vom Hausarzt zu erwarten, dass dieser bei einem Herzinfarkt gleich in der Arztpraxis und ambulant drei Bypässe legt. Die Forderung zeugt deshalb vor allem von einem: der Ignoranz gegenüber einer ganzen Disziplin.

Das Problem der Karriereplanung

[vc_row][vc_column width=“1/1″][vc_single_image image=“817″ img_link_target=“_self“][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column][vc_column_text]Andrea Vetsch heisst die neue Moderatorin von 10vor10. Das ist eine gute Nachricht. Insbesondere, wenn man sich vergegenwärtigt, wer zuletzt alles als mögliche Nachfolgerinnen – die Vorstellung, die Funktion mit einem Mann zu besetzen, war offenbar so abartig, dass sie gar nicht erst verfolgt wurde – genannt worden war.

Andrea Vetsch ist immerhin Journalistin seit 1999, seit 2001 als Redaktorin und Moderatorin bei der TAGESSCHAU. In dieser Rolle macht sie einen hervorragenden Job: souverän, handwerklich solide, sympathisch.

Längere Erfahrung als Inland- oder Auslandkorrespondentin hat sie indes nicht, ein Hintergrund als Bundeshauskorrespondentin fehlt ihr ebenso wie auch nur sporadische Einsätze an einzelnen Hotspots dieser Welt. Zuletzt Schlagzeilen gemacht hat sie nicht aufgrund ihrer journalistischen Kompetenz, sondern weil sie im letzten Sommer Mutter einer Tochter geworden ist.

Das Problem: SRF tut sich schwer damit, aus dem eigenen Nachwuchs systematisch journalistische Persönlichkeiten heranzubilden. Nicht, dass da keine Talente wären. Arthur Honegger, Jonas Projer, Andrea Vetsch, Wasiliki Goutziomitros und wie sie alles heissen: Talente gäbe es genug. Nur: ein systematischer Karriereaufbau findet nicht statt. Projer wird nun, als Korrespondent aus Brüssel abberufen, zum neuen ARENA-Moderator. Und das, obwohl er weder Bundeshaus-Erfahrung noch Moderationserfahrung in dialogischen Sendegefässen sammeln konnte. Andrea Vetsch soll uns als 10vor10-Moderatorin die Welt erklären, die sie doch selbst als Journalistin nur aus dem Leutschenbach kennt.

Vielleicht lohnte sich ein Blick ins Ausland: Marietta Slomka beispielsweise, Moderatorin des HEUTE JOURNALS beim ZDF, begann als Parlamentskorrespondentin, arbeitete an Dokumentationen wie ihren Reportage-Reihen «Unterwegs in China» und «Afrikas Schätze» und veröffentliche zwei Bücher («Kanzler lieben Gummistiefel: So funktioniert Politik» und «Mein afrikanisches Tagebuch: Reise durch einen Kontinent im Aufbruch».

Der ARD-Tagesthemen-Moderator Thomas Roth war u.a. Korrespondent in Südafrika, Studioleiter und Korrespondent in Moskau, Leiter des ARD-Hauptstadtstudios in Berlin oder Studioleiter und Korrespondent in New York.

Slomka wie Roth sind journalistische Persönlichkeiten, von denen ich mir als Zuschauer gerne die Welt erklären lasse. Weil ich weiss, dass sie sie gesehen haben. Und weil sie das ausstrahlen, ohne in ihren Texten vor Narzissmus zu zerfliessen.

Wohlverstanden: Die Kritik richtet sich nicht gegen die erwähnten Medienschaffenden. Endlich erwachen müsste die Führung. Indem ein Talentpool gebildet wird, in dem Karriere-Aufbau betrieben wird und die erkannten Talente über mehrere Stationen an Aufgaben wie die Moderation einer grossen tagesaktuellen Hintergrundsendung herangeführt werden.[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row]

Grösse zeigt sich in der Niederlage

Für die Sportlerinnen und Sportler, die gegenwärtig in Sotschi um Medaillen kämpfen, dürfte es eine Banalität sein. Für viele Politikerinnen und Politiker hingegen offenbar nicht: Die Tatsache, dass sich kommunikative Grösse insbesondere in Niederlagen zeigt.

Interessant diesbezüglich, was das «Ja» einer knappen Mehrheit der Bevölkerung zur SVP-Masseneinwanderungs-Initiative bewirkt. Massenweise verfallen da Spitzenpolitker hüben wie drüben der emotionalen Falle und zeigen sich als schlechte Verlierer oder arrogante Gewinner. Besonders demaskierend zeigen sich viele Politiker der Pol-Parteien.

Beispielsweise SP-Parteipräsident Christian Levrat. Er will die Regionen abstrafen, die sich erfrechten, gegen seine persönliche Haltung (und damit für die Masseneinwanderungsinitiative) gestimmt zu haben. Diejenigen Regionen mit den meisten Ja-Stimmen sollen deshalb am wenigsten Kontingente erhalten. – Mit derselben Logik müsste Levrat dann ja auch fordern, dass diejenigen Gemeinden mit den höchsten Nein-Stimmen Anteilen bei der Zweitwohnungsinitiative mehr gesetzliche Ausnahmebewilligungen erhielten. Und bei Ausbauvorlagen für den öffentlichen Verkehr würden dann diejenigen Gebiete mit besonders hohen Ja-Stimmen-Anteilen auch überproportional an den Kosten beteiligt?

Ähnlich entlarvend das Votum von ex-SP-Nationalrat Rudolf Rechsteiner. Er verlangt, dass über die Vorlage noch einmal abgestimmt werden müsse. – Die Bevölkerung sei sich der Folgen dieses Jas nicht bewusst gewesen. – Motto: Stimmst Du nicht, wie es mir passt, wird solange abgestimmt, bis das Ergebnis dann doch noch stimmt. – So kann man Demokratie natürlich auch verstehen.

Aber auch die Gewinnerseite zeigt Emotionen am falschen Ort: So gelingt es SVP-Scharfmacher Christoph Mörgeli, im Ausland so provokativ aufzutreten, dass tatsächlich das Bild entstehen muss, die Schweiz sei nun zu einem Volk von Ausgrenzern und Rechtsaussen-Sympathisanten mutiert. Einen demokratisch legitimierten Aussenminister als «Funktionär» zu beleidigen, macht aussenpolitisch auf jeden Fall überhaupt keinen Sinn – schon gar nicht, wenn es sich um den Aussenminister eines anderen kleinen Landes handelt, mit dem besser die Gemeinsamkeiten gesucht als Differenzen aufgebaut werden sollten.

Was wäre eine nüchterne, staatsmännische Analyse? Wohl die, dass eine knappe Mehrheit der Bevölkerung die Probleme mit der Zuwanderung unterdessen offenbar für so gravierend hält, dass sie auch einem Lösungsvorschlag zustimmt, der mit einigen Unsicherheiten für die Zukunft behaftet ist. Und dass es die Gegner der Initiative offenbar nicht zustande brachten, der Bevölkerung glaubwürdig aufzuzeigen, dasss sie andere als die vorgeschlagenen Massnahmen der SVP-Initiative ergreifen würden, um die offensichtlichen Probleme anzugehen.

Fazit: Es fehlt der Schweizer Politik definitiv an Staatsmännern.

«watson» ist online

«watson» ist online

«Watson» heisst ein neues Schweizer Nachrichtenportal, das seit geraumer Zeit in der Schweizer Medienlandschaft viel zu reden gibt. Gründer Hansi Voigt hat dafür 50 Journalistinnen und Journalisten zusammengeprügelt, darunter etliche, die durchaus über einen Namen verfügen. Viele stammen von 20minuten online, wo Voigt früher selbst als Chefredaktor tätig war. 

Seit dem 21. Januar ist das neue Schweizer Newsportal watson nun online geschaltet. – Vorerst in einer Beta-Version. Watson-Gründer Hansi Voigt begründet das wie folgt: «Wenn man die Erwartungen eh nicht erfüllen kann, kann man auch einfach loslegen. Wir starten also. In einer Beta-Version. Sie können uns also ab sofort dabei zuschauen, wie wir Fehler machen, hoffentlich daraus lernen, unser Newsportal laufend verbessern und Ihre Inputs einbauen.»

Watson will sich als Portal verstehen, das auf Crowdsourcing setzt: also die Leserinnen und Leser, welche die Plattform mit Inhalten oder zumindest Ideen füllen. Danebst kann die Redaktion auf viele Artikel von Kooperationspartner Spiegel online zurückgreifen. Und verspricht, als erster Newsportal der Schweiz die Idee von HTML, also die Verlinkung und Weiterverweisung auf andere Quellen, konsequent umsetzen zu wollen.

Bezahlt wird das Projekt vom Verlagshaus des Aargauer Verlegers Peter Wanner (AARGAUER ZEITUNG, TELE M1, TELE ZÜRI), offiziell wird mit Kosten von 20 Millionen CHF «für die nächsten drei bis vier Jahre» gesprochen. Andere Stimmen rechnen vor, dass Wohl ein Betrag von CHF 10 Mio pro Jahr den Verhältnissen  eher gerecht werde.

www.watson.ch

Neue Inhalte oder «more of the same»? Am ersten Tag präsentiert Watson vor allem, was auch andernorts schon zu lesen ist.

Die Medienbranche beobachtet das Projekt auf jeden Fall mit grossem Interesse. Der Launch der neuen Internet-Seite von BLICK AM ABEND vor kurzem wurde von Ringier mehr oder weniger unverhohlen als vorgezogene Reaktion auf WATSON verkauft. Aber auch 20min.ch dürfte das neue Newsportal direkt angreifen. Zwei Fragen bleiben dabei zentral: Gelingt es WATSON tatsächlich, sich unter den Top 3 der Schweizer Newsportale zu etablieren, wie das Voigt vorschwebt? Und zum zweiten: Kann WATSON auch inhaltlich Akzente setzen, oder bietet die Plattform vor allem «more of the same»?

Falscher Absender

Falscher Absender

«Die Gier in Grenoble» titelt TAGES-ANZEIGER-Sportchef Fredy Wettstein und weint  Krokodilstränen. Wettstein ist zuwider, wie Medienschaffende das Spital in Grenoble belagern, um an Neuigkeiten zum Gesundheitszustand von Michael Schumacher zu erhalten. Payen, dem behandelnden Arzt, sei diese mediale Aufmerksamkeit zuwider. Schliesslich tue er im Falle Schumacher nichts anderes als bei den 250 anderen, die nach Sportunfällen jährlich in die Klinik eingewiesen werden. Wettstein hat viel Verständnis für den Zorn des Arztes darüber, dass man ihn nicht einfach seine Arbeit tun lässt.

Man mag mit Wettstein in der Sache übereinstimmen und durchaus Sympathien haben für die Sicht, wie pervers eine Mediengesellschaft geworden ist, die mit täglichen Live-Schaltungen des Todeskampf eines ehemaligen Spitzensportlers zum Massenereignis werden lässt.

Wenn der Sportchef des TAGES-ANZEIGERS das bedauert, ist es allerdings nichts mehr als plumpe Scheinheiligkeit. Demaskiert noch auf derselben Homepage, auf der er die eigene Branche kritisiert. Sie verlinkt nämlich direkt auf nicht weniger als 10! (in Zahlen: zehn) Geschichten des TAGES-ANZEIGERS selbst in der eben erwähnten Sache. Wettsteins kritische Note ist damit etwa so glaubwürdig wie der Hinweis des rauchenden Vaters an seine Kinder, sie sollen gefälligst die Hände von Zigaretten lassen.

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Scheinheilig: Tages-Anzeiger Sportchef kritisiert die mediale Gier nach News über den Gesundheitszustand Schumachers. Und macht im eigenen Blatt den ganzen Medienzirkus 1:1 mit.

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