Klagen wegen «schlechter Presse»? Das kann auch nach hinten losgehen

Klagen wegen «schlechter Presse»? Das kann auch nach hinten losgehen

Klagen wegen schlecher Presse?

Soll man bei medialen Beleidigungen juristisch vorgehen? – Wir meinen: Solange es lediglich um den eigenen Stolz geht: Besser nicht.

Gleich in zwei FĂ€llen zeigt sich innert kĂŒrzester Zeit, dass medienrechtliche Schritte oftmals das Gegenteil dessen erreichen, was sie sollen, und die Reputation nur noch mehr beschĂ€digen. Gegen Medien oder Autoren vorzugehen, sollte deshalb immer gut ĂŒberlegt sein.

Fall 1.

Ein BĂŒndner Ex-Richter fĂŒhlt sich beleidigt

Das jĂŒngste Beispiel dazu ist der BĂŒnder ex-Verwaltungsrichter, welcher vor rund drei Jahren eine Gerichtspraktikantin vergewaltigt haben soll. Der Richter wurde im November 2024 erstinstanzlich verurteilt, es gilt aber bis zu einer rechtskrĂ€ftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung. Was war passiert? Der Fall wurde bereits zwei Jahre frĂŒher publik, im Dezember 2022. Damals hatten zeitgleich die SONNTAGSZEITUNG, die SÜDOSTSCHWEIZ und das Justizportal INSIDE-JUSTIZ ĂŒber die VorwĂŒrfe berichtet. In letzterem Medium hatte anschliessend ein Leserbriefschreiber den Beschuldigten als «arroganten Grosskotz» bezeichnet, woraufhin dieser eine Stafanzeige gegen den Leserbriefschreiber und den Chefredaktor von INSIDE JUSTIZ einreichte.

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Gerichtsverfahren und auch Strafbefehle sind öffentlich

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Journalisten halten zusammen

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Klagen fĂŒhren oft zu mehr negativer PublizitĂ€t und sind kontraproduktiv

Das Verfahren gegen den Chefredaktor wurde rasch eingestellt, ein halbes Jahr spĂ€ter wurde der vermeintliche Leserbriefschreiber – ein 72-jĂ€hriger Mann in Chur – wegen ĂŒbler Nachrede verurteilt. Letzterer Vorgang fand schweizweit breite Abdeckung auch in publikumstrĂ€chtigsten Medien wie TAGES-ANZEIGER oder 20 MINUTEN. Sie alle berichteten unter ausfĂŒhrlicher Nennung der VorwĂŒrfe – was Medien auch straffrei dĂŒrfen: Die wahrheitsgemĂ€sse Berichterstattung ĂŒber Gerichtsverfahren (und Strafbefehle gehören dazu) ist erlaubt. Resultat: Die mutmassliche Beleidigung wurde nun plötzlich hunderttausendfach publiziert und weiterverbreitet. Den ursprĂŒnglichen Leserbrief hatten wahrscheinlich nur ein paar hundert Leute ĂŒberhaupt zur Kenntnis genommen (er war von der Redaktion von INSIDE JUSTIZ nach kurzer Zeit gelöscht worden, und INSIDE JUSTIZ ist eine kleines Medium, das vor allem von Juristen und Journalisten gelesen wird), mittlerweile kennt die halbe Schweiz den Vorwurf.

Screenshots: Sowohl der TAGESANZEIGER wie auch 20 MINUTEN – zwei der reichweitenstĂ€rksten Schweizer Medientitel, berichteten ĂŒber das Verfahren und verbreiteten die VorwĂŒrfe weiter.

Bild: Ausschnitt aus der Strafanzeige (zitiert nach INSIDE JUSTIZ)

Fazit 1:

Ein klassisches Eigentor. Und die Erkenntnis, dass Strafanzeigen gegen Medien oder auch Leserbriefschreiber gut ĂŒberlegt sein sollten. Insbesondere, wenn man selbst im Glashaus sitzt. Dabei ist auch zu berĂŒcksichtigen, dass unter Medienschaffenden hĂ€ufig eine SolidaritĂ€t ĂŒber die eigene Redaktion hinweg herrscht und sich die Kolleginnen und Kollegen untereinander hĂ€ufig kennen und gut vernetzt sind: Wer sich mit einem Medientitel anlegt, legt sich mit den Medienschaffenden insgesamt an. Und das dĂŒrfte in den wenigsten FĂ€llen eine erfolgsversprechende Strategie sein.

Fall 2.

Minister Habeck greift zum ZweihÀnder

Das zweite Beispiel betrifft den deutschen Wirtschaftsminister und GrĂŒnen-Kanzlerkandidat Robert Habeck. Zur etwa gleichen Zeit wurde bekannt, dass ein Twitter-User ein Meme (eine Karikatur) weitergeleitet hatte, die das Bild von Habeck zeigte und darunter, im Design und mit Logo des Haarprodukteherstellers «Schwarzkopf», den Schriftzug «Schwachkopf». Habeck gab die beleidigte Leberwurst und reichte Strafanzeige an. Die Strafverfolgungsbehörden (Staatsanwaltschaft und Gericht) in Bamberg, fĂŒr ihre rĂŒde Unterwanderung der MeinungsĂ€usserungsfreiheit landesweit bekannt, ordnete eine Hausdurchsuchung bei dem Twitterer an. Bei dem Mann handelt es sich um einen Ă€lteren Herrn und Vater einer Tochter mit Trisomie 21.

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David-Goliath-Prinzip: Aus einer Machtposition heraus vorzugehen bringt keine Sympathiepunkte

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DĂŒnnhĂ€utigkeit zeugt nicht von politischer StĂ€rke

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Anzeigeerstatter wird auch fĂŒr unverhĂ€ltnismĂ€ssiges Vorgehen der Behörden direkt verantwortlich gemacht

Die völlig verhĂ€ltnislose Hausdurchsuchung am Morgen frĂŒh kurz nach sechs wurde zu einer landesweiten Geschichte und von allen einschlĂ€gig bekannten Polit-Influencers auf Twitter, Youtube, Instagram und TikTok rauf und runtergenudelt. – Habeck, der als Kanzlerkandidat der GrĂŒnen eigentlich grad’ dringend auf Sympathiepunkte angewiesen wĂ€re, wurde zum Buhmann. Erst recht, als auskam, dass er wĂ€hrend seiner Ministerzeit schon ĂŒber 800 Strafanzeigen wegen MajestĂ€tsbeleidigung eingereicht hatte. Strafverfolgungsbehörden und Gerichte mĂŒssten sich mit BanalitĂ€ten herumschlagen, die halt zum politischen Alltag gehörten, statt dass sie sich den tatsĂ€chlich gefĂ€hrlichen StraftĂ€tern zuwenden könnten, argwöhnten die einen. Die Obrigkeit könne nicht mit Kritik umgehen, es herrschten in Deutschland ZustĂ€nde wie in autokratischen Systemen, monierten andere. Vor allem wurde auch hier das ursprĂŒngliche Meme wohl hunderttausendfach weiterverbreitet, es wurden T-Shirts bedruckt mit SprĂŒchen wie «Schwachkopf
 ich darf’s nicht sagen, aber Du weisst schon, wer gemeint ist» u.Ă€.

Fazit 2:

Ein komplettes Eigentor auch hier. Das eigentlich harmlose Meme, das eine PEP (Politisch exponierte Persönlichkeit) eigentlich locker wegstecken sollte, wird zum Symbol fĂŒr einen dĂŒnnhĂ€utigen Minister, der lieber missliebige BĂŒrger strafrechtlich verfolgt, statt sich um seine eigentliche Aufgabe als Wirtschaftsminister zu kĂŒmmern und dafĂŒr zu sorgen, dass Deutschland aus der selbstverschuldeten Rezession findet.

Quintessenz 

 

NatĂŒrlich muss man sich nicht alles bieten lassen. So wird wohl kaum ein Medienschaffender kritisch darĂŒber berichten, wenn sich exponierte Personen z.B. bei konkreten Drohungen zur Wehr sitzen («Ich weiss, wo Du wohnst», «Ich kenne Deine Kinder», etc.). DĂŒnnhĂ€utigkeit im politischen Diskurs wird aber nicht als Zeichen der StĂ€rke wahrgenommen, im Gegenteil. Und juristische Schritte aus einer Position der Macht («Goliath») gegen einen einfachen BĂŒrger (« David») bringen keine Sympathie, fĂŒr viele Medien und Soziale Medien aber einen guten AufhĂ€nger, um die inkriminerten VorwĂŒrfe im Rahmen der Berichterstattung ĂŒber die rechtlichen Schritte weiter zu verbreiten.

Mein Vater sel. pflegte in solchen Situation treffend zu sagen: «Was kĂŒmmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt.» Etwas mehr von dieser Contenance wĂ€re hĂ€ufig die vernĂŒnftigere Strategie als der Gang zum Rechtsanwalt.

IOC-Krisenmanagement: Nicht qualifiziert

IOC-Krisenmanagement: Nicht qualifiziert

IOC Krisen-kommunikation:

Aus schon in
der 1. Runde

 

WÀre Krisenkommunikation ein olympischer Wettbewerb, das Internationale olympische Komitee wÀre darin klÀglich gescheitert und wohl bereits in der ersten Runde sang- und klanglos ausgeschieden.

 

Eine Analyse

IOC-
Krisen-
kommunikation

Aus schon in
der 1. Runde

 

WÀre Krisenkommunikation ein olympischer Wettbewerb, das Internationale olympische Komitee wÀre darin klÀglich gescheitert und wohl bereits in der ersten Runde sang- und klanglos ausgeschieden.

 

Eine Analyse
Die Olympischen Spiele 2024 in Paris sind vorbei. Die Diskussionen darĂŒber dĂŒrften noch einige Zeit nachhallen. Das gilt insbesondere fĂŒr die Krise rund um das olympische Frauen-Boxturnier, das in zwei Gewichtskategorien von Athletinnen gewonnen wurde, die womöglich genetisch keine Frauen, sondern MĂ€nner sind. Das IOC und dessen PrĂ€sident Thomas Bach wurden in dieser Krise durch die International Boxing Association regelrecht vorgefĂŒhrt. Die Krise hat aber auch deutlich die Interessenskollisionen aufgezeigt zwischen den BemĂŒhungen um die maximale Inklusion aller Vertreterinnen von verschiedenen Geschlechtsvarianten und dem Anspruch auf faire Wettbewerbsbedingungen in den Frauen-Disziplinen.

 

 

Die nachfolgende Analyse geht in verschiedenen Kapiteln  auf die einzelnen Aspekte der Krise ein. Es sind dies:

# Einleitung

# Es geht noch schlimmer: Die Vorgeschichte

# Der Sachverhalt gerÀt zum Puzzlespiel

# Hohes Testosteron oder nicht?

# Die Tatsachen kommen scheibchenweise ans Licht

# IOC und IBA liegen sich seit Jahren in den Haaren

# World Boxing als neuer Player

# Und noch ein Player enthĂŒllt Unglaubliches

# Die medizinische Seite

# Die Medienlage: Delikat

# IOC: Kein Krisenmanagement

# Das IOC wider die wissenschaftliche Erkenntnis

# IOC-Krisenkommunikation: Nicht qualifiziert

# Der IOC-PrÀsident macht alles noch viel schlimmer

# Fazit

 

Das Debakel begann schon mit der Eröffnungsfeier: Die Neuinszenierung des «letzten Abendmahls» als queeres Schauspiel geriet konservativen christlichen Kreisen komplett in den falschen Hals. Sie sprachen von Blasphemie und kritisierten die Organisatoren ĂŒber Tage, bis sich das IOC schliesslich entschuldigen musste.

Schon hier glÀnzte die Krisenkommunikation nicht. ZunÀchst rÀumte das IOC ein, die Anlehnung an das Bild «Das letzte Abendmahl» von DaVinci sei ein Fehler gewesen. SpÀter dann versuchte man sich damit zu retten, dass die Szene eigentlich gar nicht auf das letzte Abendmahl referenzierte, sondern auf das GemÀlde «Fest der Götter» des niederlÀndischen Malers Jan van Bijlert.

Na was denn nun? – Krisenkommunikation, die nicht einmal die Fakten kennt?

Es geht noch schlimmer: Die Vorgeschichte

Als noch unfÀhiger beweist sich das Krisenmanagement des IOC in der Kontroverse um zwei Boxerinnen, die an den KÀmpfen teilnehmen, obwohl sie von ihrem eigenen Verband IBA vor einem Jahr gesperrt worden waren. Der Skandal entbrannte, als die Italienische Boxerin Angela Carini ihren Kampf gegen die Algerierin Imane Khelif nach 46 Sekunden aufgab, weinend auf dem Boden sass und anmerkte, das sei nicht fair.

Carini spielte damit (auch wenn sie das einen Tag spĂ€ter bestritt) darauf an, dass umstritten ist, ob Imane Khelif tatsĂ€chlich eine Frau ist. Von der KĂ€mpferin kursieren nicht nur Bilder, auf denen sie von einer Mehrheit der Betrachter wohl zweifelsfrei als Mann eingeschĂ€tzt wĂŒrde. Khelif hatte vor einem Jahr bei den WM-TitelkĂ€mpfen in New Dehli einen Geschlechtstest nicht bestanden und war damals vom Weltverband «International Boxing Association» IBA disqualifiziert worden – genauso wie auch die Taiwanische KĂ€mpferin Lin Yu-ting.

Die damalige Entscheidung wurde von Vorstand des IBA bestĂ€tigt, das Protokoll dazu ist im Internet frei zugĂ€nglich. Klarheit schafft es allerdings insofern nicht, dass es lediglich von «Tests» spricht, die von zwei unabhĂ€ngigen Labors in zwei verschiedenen LĂ€ndern durchgefĂŒhrt worden seien und die gemĂ€ss Massgabe der Reglemente ergeben hĂ€tten, dass die beiden getesteten Personen nicht «berechtigt» seien, an dem Frauenturnier zu boxen. Was aber genau getestet wurde, erschliesst sich aus dem Protokoll alleine nicht.

Mann oder Frau? Dieser Bilder von Imane Khelif kursierten insbesondere im Internet, um die Frage zu stellen: Kann es sich bei Imane um eine Frau handeln?

Der Sachverhalt gerÀt zum Puzzle-Spiel

Immerhin lĂ€sst sich aus dem Reglement, auf das die IBA verweist, eine These bilden. Auf Seite 9 der «IBA Technical & Competition Rules» findet sich nĂ€mlich die Definition, was der Verband unter «Women/Female/Girl» versteht: «Ein Individuum mit XX Chromosomen.» Und: «Boxer können einem Gendertest unterzogen werden, um das zu ĂŒberprĂŒfen und die Berechtigung fĂŒr die Teilnahme an einem IBA Wettbewerb festzustellen.»

Es liegt deshalb nahe, dass die Geschlechtstests von Khelif und Yu-Ting zum Ergebnis gekommen sein mussten, dass die beiden nicht den weiblichen XX-Chromosomensatz haben, sondern einen XY-Satz – und damit mĂ€nnlichen Geschlechts sind. DafĂŒr gibt es weitere Indizien.  Zum einen kursieren im Netz und in den Medien Zitate des IBA-PrĂ€sidenten Umar Kremlev, gemĂ€ss denen der Russe ausgesagt haben soll, die Athleten hĂ€tten einen XY-Chromosomensatz. Die Aussagen lassen sich allerdings nicht verifizieren.

Hohes Testosteron oder nicht?

Nach den Aussagen der IBA selbst soll ein anderes Kriterium, das in der Vergangenheit schon fĂŒr die GeschlechterĂŒberprĂŒfung verwendet wurde, hier nicht zugezogen worden sein. Und zwar die Testosteron-Werte.  In einer Mitteilung der IBA vom 31. Juli 2024, also mitten in der laufenden Krise, hĂ€lt diese nĂ€mlich fest, dass die Athleten «keinem Testosterontest» unterzogen worden seien. Die Kommunikation der IBA in diesem Punkt erscheint allerdings nicht konsistent. Immer wieder tauchen nĂ€mlich Zitate von ReprĂ€senanten der IBA auf, in denen von erhöhten Testosteronwerten die Rede ist.

GemĂ€ss der ersten IBA-Kommunikation wurden die Ergebnisse in «einem separaten und anerkennten Test, dessen Spezifika vertraulich gehandhabt wĂŒrden» erhoben. In einer ergĂ€nzenden Kommunikation am 5. August 2024 ist dann explizit von «Bluttests» die Rede. Die IBA fĂŒhrt an diesem Tag eine Medienkonferenz durch und veröffentlicht noch einmal ein ausfĂŒhrliches Statement, in dem es den Ablauf rund um die Disqualifikation detaillierter schildert. Die konkreten Testergebnisse der beiden Athletinnen werden weiterhin mit Verweis auf die Persönlichkeitsrechte nicht publiziert, aber mit Nachdruck darauf verwiesen, dass die Tests dem IOC zugestellt worden waren. Auch das Faksimilie einer IOC-EmpfangsbestĂ€tigung geistert in den Social Media herum, in welcher der IOC-Vertreter darum bittet, die EinverstĂ€ndniserklĂ€rungen der Athletinnen fĂŒr die DurchfĂŒhrung dieser Tests nachzureichen.

Figure 1 from “Divergence in Timing and Magnitude of Testosterone Levels Between Male and Female Youths” by Senefeld, Coleman, Johnson et al. JAMA, 7 July 2020.

Die Grafik zeigt, dass die Wertebereiche von Testosteron von jungen MĂ€nnern und Frauen sich nicht ĂŒberlappen, sondern zwischen auch zwischen hohen weiblichen und tiefen mĂ€nnlichen Testosteronwerten noch eine imense Differenz liegt. 

Vgl. zu diesem Thema: https://quillette.com/2024/08/03/xy-athletes-in-womens-olympic-boxing-paris-2024-controversy-explained-khelif-yu-ting/

Die Tatsachen kommen scheibchenweise ans Licht

Schon zwei Tage zuvor war ein Artikel des amerikanischen Fach-Journalisten Alan Abrahamson auf 3wiresports.com deutlicher geworden. Er schreibt dort am 3. August 2024, es lege ihm ein Schreiben der IBA vom 5. Juni 2023 vor, indem der Box-Verband das IOC ĂŒber die Testresultate von Khelif informiert habe – dabei sei es explizit ausschliesslich um Khelif und nicht um Yu-Ting gegangen.

Die Testresultate des Labors hĂ€tten diesem Schreiben beigelegen und in dem Schreiben sei auch explizit darauf Bezug genommen worden, dass die IBA Boxerinnen ĂŒber den weiblichen Chromosomensatz XX definiere.

Abrahamson beschreibt auch, wie die IFA bei den Weltmeisterschaften in Jahr 2022 in Istanbul zum ersten Mal Tests durchgefĂŒhrt hatte, die bereits zu denselben Resultaten gekommen, damals aber noch ohne Konsequenzen geblieben waren. Der Grund?

Die Resultate waren erst im Nachgang des Wettbewerbs eingegangen. Die neuen Tests im MĂ€rz 2023 bestĂ€tigten die Resultate. Vermutlich hatte sich die IBA aber tatsĂ€chlich auf dĂŒnnem Eis bewegt.

Die oben bereits zitierten Reglemente, die vorsehen, dass nur TrĂ€gerinnen des XX-Chromosomensatzen bei Frauenturnieren boxen können, und dass der Verband Tests durchfĂŒhren kann, um dieses Kritierum zu ĂŒberprĂŒfen, wurden erst im Mai 2023 und damit nach der Disqualifikation der beiden Athletinnen eingefĂŒgt.

Das ist insofern nachvollziehbar, als in dem Vorstandsprotokoll der IBA nachzulesen ist, dass ein Vorstandsmitglied dort gefordert hatte, dass die Regeln fĂŒr die Frauenwettbewerbe genauer gefasst wĂŒrden.

Nicht uninteressant dĂŒrfte dabei auch eine weitere Information der IBA sein, die sie aber nicht weiter kontextualisiert. Der Weltverband hĂ€lt an mehreren Stellen fest, dass weder Lin Yu-Ting noch Imane Khelif den Entscheid der IBA an ein Sportgericht weitergezogen hĂ€tten, obwohl sie dieses Rechtsmittel gehabt hĂ€tten. Und das macht aus taktischer Sicht fĂŒr die beiden Sportler durchaus Sinn. Warum?

IBA und IOC liegen sich seit langem in den Haaren

Als die beiden Sportlerinnen disqualifiziert worden waren, lagen die IBA und das IOC bereits ĂŒber Kreuz. Das IOC hatte den IBA als Fachverband schon 2019 nicht mehr anerkannt und auch nicht mehr mit der DurchfĂŒhrung des Boxturniers an den Olympischen Spielen in Paris betraut.

Die Zulassungskriterien fĂŒr Paris sahen keine ÜberprĂŒfung des Geschlechts vor, was 2023 bereits bekannt war. – Die beiden Athletinnen, oder Athleten, konnten also davon ausgehen, dass sie in Paris wĂŒrden teilnehmen können. Ob das IOC daran hĂ€tte festhalten können, falls das Sportgericht zum Schluss gekommen wĂ€re, die beiden seien als MĂ€nner nicht im Frauenturnier teilnahmeberechtigt gewesen?

Andere Sportler, beispielsweise die Transsexuelle Schwimmerin Lia Thomas, hatte gegen die Suspendierung des Schwimmverbandes am Internationalen Sportgericht geklagt, war mit ihrer Beschwerde aber abgewiesen worden und wurde deshalb fĂŒr den Frauenwettbewerb in Paris dieses Jahr nicht zugelassen.

Als Grund fĂŒr den Streit zwischen IOC und dem Boxverband gab das IOC an, die Finanzierung sei intransparent, Governance und Kultur mangelhaft. Dem Verband wurde in der Vergangenheit Korruption vorgeworfen, Hintergrund dieser Anschuldigungen dĂŒrfte aber auch sein, dass IBA-VerbandsprĂ€sident Umar Kremlev dem russischen PrĂ€sidenten nahesteht. Der Verband hatte beispielsweise 2023 trotz des Kriegs in der Ukraine bei der Weltmeisterschaft auch russische Athleten zugelassen, was zu Protesten verschiedener LandesverbĂ€nde gefĂŒhrt hatte. Einer der Hauptsponsoren des Verbandes ist zudem der russische Gazprom Konzern. In den klassischen wie in Social Media Posts wird immer wieder darauf aufmerksam gemacht, die IBA sei ein Instrument Putins.

Das alles bringt eine zusĂ€tzliche und politische Dimension ein, ist doch bekannt, dass man im Kreml und in Russland nur den Kopf schĂŒttelt ĂŒber den westlichen Wokeismus mitsamt der von immer mehr westlichen Regierungen propagierten Gender-Selbstbestimmungs- und Queerpolitik. Dem IOC, das sich voll auf dieser Linie bewegt, musste es deshalb ein Dorn im Auge sein, dass die IBA die biologische Geschlechterfrage als Zulassungskriterium aufbrachte.

Inwieweit der Ausschluss des IBA von Olympia mehr politisch bedingt und als zusÀtzliche Front gegen Russland zu betrachten als sachlich gerechtfertigt ist, lÀsst sich am Ende aber nur schwer beurteilen.

Immerhin wehrte sich der IBA gegen den Ausschluss und gelangte ans Internationale Sportgericht in Lausanne, wo die IBA allerdings unterlag. Das Urteil CAS2023/A/9757 ist öffentlich zugĂ€nglich und umfasst 120 Seiten. Erledigt ist die Sache allerdings noch nicht: Die IBA hat den Fall weitergezogen. Gleichzeitig nĂŒtzt auch die IBA die aktuelle Krise an den Olympischen Spielen nach besten KrĂ€ften, um Stimmung gegen das IOC zu machen: Es vergeht kaum ein Tag, ohne dass IBA-ReprĂ€sentanten in der Öffentlichkeit auftreten und das IOC vorfĂŒhren.

Bekannt ist auch, dass das IOC sich bemĂŒht, eine Partnerschaft mit einem Konkurrenzverband zum IBA einzugehen.

Wold Boxing als neuer Weltverband

Seit November 2023 ist die «Word Boxing» dabei, sich in aller Eile aufzustellen, um als neuer Weltverband die DurchfĂŒhrung der olympischen Boxturniere zu ĂŒbernehmen. Interessant: World Boxing hat in ihren vielen Governance Dokumenten auch ein explizites Dokument zum Thema «Gender Equality and inclusion». Darin findet sich aber ausschliesslich BlaBla, eine konkrete Aussage dazu, welche Teilnahmebedingungen eine Person erfĂŒllen muss, um bei den Frauenwettbewerben mitmachen zu können, macht das Dokument nicht – sondern verweist unter dem Kapitel «Transgender Rules» lediglich auf die «Medical Rules», die aber auf der ganzen InternetprĂ€senz nirgends zu finden sind.

Abgesehen davon, dass es bei dem konkreten Fall um Khelif und Yu-Ting nicht um Transgender, sondern um FÀlle von IntersexualitÀt geht, zeigen die Dokumente von World Boxing, dass man sich dort des Themas bisher genau so wenig angenommen hat wie das IOC. Kein Wunder, hat der PrÀsident von World Boxing, der NiederlÀnder Boris van der Vorst, das IOC in einer Stellungnahme in Schutz genommen.

Und noch ein Player enthĂŒllt Unglaubliches

Brisanter war dafĂŒr die Stellungnahme eines anderen VerbandsfunktionĂ€rs: Der PrĂ€sident der EuropĂ€ischen Word Boxing Organization, der Ungare IstvĂĄn KovĂĄcs, soll gemĂ€ss einem Bericht des Internetportals REDUXXin der ungarischen Presse ausgesagt haben, dass er das IOC schon 2022 darauf aufmerksam gemacht habe, dass mehrere biologische MĂ€nner bei den Frauenwettbewerben mitmachen wĂŒrden. Er habe bis heute keine Antwort des IOC erhalten. Diese Aussage vom 2. August 2022 wird spĂ€ter in dem Statement der IBA vom 5. August bestĂ€tigt.

Kovåcs war zu diesem Zeitpunkt GeneralsekretÀr bei der IBA. Stimmen die Aussagen des FunktionÀrs, wussten also sowohl das IOC wie auch die IBA schon seit 2022 um die Situation. Die IBA hat ein Jahr lang einfach zugesehen, das IOC hat sich der Situation bis heute nicht angenommen.

Nur: So brisant die Aussagen von KovĂĄcs sind, auch sie stehen in einem Kontext. Er machte die Äusserungen nĂ€mlich unmittelbar vor dem nĂ€chsten Fight von Khelif, die im Viertelfinale auf Anna Luca Hamori trifft. Und die lebt, wie KovĂĄcs, in Ungarn. Andererseits hatte IstvĂĄn KovĂĄcs die IBA nach nur fĂŒnf Viertel Jahren als GeneralsekretĂ€r «im gegenseitigen Einvernehmen» schon im Sommer 2022 wieder verlassen. Das spricht eher fĂŒr einen erzwungenen Abgang – und gleichwohl stĂŒtzt KovĂĄcs Aussage die Position der IBA in dieser Angelegenheit.

Die medizinische Seite

Eine weitere Dimension bildet die medizinische Seite. Sie wird von der Forscherin Carole Hooven in mehreren ausfĂŒhrlichen Posts auf X (Twitter) hervorragend beleuchtet. Carole Hooven war Forscherin an der renommierten HarvardUniversity in den USA, hat ihre ArbeitsstĂ€tte aber verlassen, weil sie sich der dortigen Cancel Culture nicht mehr lĂ€nger aussetzen wollte.

Hooven hat ein wissenschaftliches Buch («The story of Testosteron») ĂŒber die Implikationen von Testosteron geschrieben und kennt den aktuellen Forschungsstand zu der vorliegenden Problematik. Die nachfolgende Zusammenfassung gibt ihre (englischsprachigen) AusfĂŒhrungen verkĂŒrzt wieder.

Hoover rĂ€umt ein, dass sie keine klinischen Befunde zu den beiden Athleten habe, schildert aber ein medizinisches PhĂ€nomen, das auf den Fall zu passen scheint. Demzufolge ist bekannt, dass es TrĂ€ger von XY-Chromosomen (also «biologische MĂ€nner») gebe, die an einer DSD leiden – einer Störung der geschlechtlichen Entwicklung («Disorder of Sex Development»). Das seien MĂ€nner, die Hoden hĂ€tten, wenn auch unter UmstĂ€nden nicht sichtbar im Körperinneren.  

Durch die Hoden hĂ€tten sie auch entsprechend hohe (mĂ€nnliche) Testosteron-Werte. Wenn aber z.B. ein «5-alpha reductase deficiency» (5-ARD) vorliege, wĂŒrden Babys, wenn sie auf die Welt kĂ€men, aufgrund ihrer Ă€usseren Geschlechtsmerkmale durchaus als MĂ€dchen angesehen und entsprechend sozialisiert.

Der 5-ARD-Gendefekt wĂŒrde dabei dafĂŒr sorgen, dass die Umwandlung von Testosteron in DHT unterbunden wĂŒrde – DHT ist fĂŒr die Entwicklung der primĂ€ren Geschlechtsmerkmale «zustĂ€ndig».

Menschen mit dieser genetischen Anlage wĂŒrden deshalb oft als MĂ€dchen aufwachsen, in der PubertĂ€t wĂŒrde das ansteigende Testosteron dann aber gleichwohl dafĂŒr sorgen, dass sie plötzlich mĂ€nnliche ZĂŒge entwickelten. Oft, wenn ĂŒberhaupt, wĂŒrde das 5-ARD-Syndrom auch erst zu diesem Zeitpunkt erkannt. Medizinisch ausgewiesen ist hingegen, dass diese – verkannten – MĂ€nner sehr wohl eine mĂ€nnliche PubertĂ€t durchlaufen und dadurch auch die im Sport relevanten körperlichen Vorteile eines mĂ€nnlichen Athleten ausformen.

Hoovens ErlĂ€uterungen sind gut geeignet, die VorgĂ€nge rund um die Boxerinnen zu erklĂ€ren – wenn man die Hypothese aufstellt, dass die beiden Athletinnen in Tat und Wahrheit tatsĂ€chlich ĂŒber den mĂ€nnlichen XY-Chromosomensatz verfĂŒgen.

Genau eine BestĂ€tigung fĂŒr diese Information fehlt indes. Imane Khelif behauptet zwar auf ihrer X(Twitter)-Seite, sie habe XX-Chromosomen. Einen Beleg dafĂŒr bringt sie allerdings nicht bei, obwohl sie damit die Kontroverse natĂŒrlich ziemlich rasch beenden könnte und gemĂ€ss Aussagen der IBA auch selbst ĂŒber die Testresultate verfĂŒge.

Die Medienlage: delikat

Die bisherigen AusfĂŒhrungen zur Lage deuten bereits auf einen Ă€usserst komplexen Sachverhalt. Dazu kommen die medialen und politischen Implikationen. Der Boxkampf zwischen Carini und Khelif hat weltweit fĂŒr Aufsehen gesorgt hat. Die Social Media-Plattformen X und TikTok quellen ĂŒber, erwartungsgemĂ€ss sind viele Posts nicht sonderlich differenziert, dafĂŒr umso polemischer: Auf der einen Seite beklagen die Kritiker der gesamten Gender-Debatte, dass der Fall nunmehr aufzeige, wohin das alles fĂŒhre: «Dass ein Mann auf eine Frau einschlĂ€gt wird an den Olympischen Spielen nicht mit GefĂ€ngnis bestraft, sondern mit einer Medaille belohnt», heisst es von dieser Seite. Die Gegenseite behauptet, Khelif sei eine CIS-Frau, sei als Frau geboren, habe immer als Frau gelebt und sei einfach die bessere Boxerin gewesen. Es sei unerhört, dass ihre IntegritĂ€t dergestalt angegriffen werde. Dass fĂŒr keine der beiden Positionen belastbare Belege vorliegen, vermag die Debatte nicht einzudĂ€mmen – im Gegenteil.

Aber nicht nur an der Basis rumorts. Auch die Prominenz meldet sich zu Wort: Die italienische MinisterprĂ€sidentin Georgia Meloni spricht von einem unfairen Kampf und setzt sich fĂŒr ihre Landsfrau ein. Die Harry Potter-Autorin und Kritikerin des Transgender-Aktivismus Joanne K. Rowling wehrt sich fĂŒr die Rechte und den Schutz der biologischen Frauen. Die UN-Beauftrage gegen Gewalt an Frauen und Kindern meint, das IOC mĂŒsse ĂŒber die BĂŒcher, Elon Musk retweeted Posts, die den Untergang des Abendlandes kommen sehen. Donald Trump findet: «HĂ€lt MĂ€nner von Frauenwettbewerben fern.» Amnesty dafĂŒr schlĂ€gt sich auf die Seite der Algererin.

Die klassischen Medien reagieren unterschiedlich. BLICK und BILD kommentieren anfangs die KĂ€mpfe als unfair, halten sich anschliessend allerdings mit ihrer Berichterstattung auffallend zurĂŒck. 20MINUTEN passt seine Berichterstattung ĂŒber die Zeit an: In den ersten Artikeln fĂ€hrt die Redaktion vollkommen die «woke Schiene» – und kassiert dafĂŒr rekordschlechte QualitĂ€tswerte durch das Publikum. Die Zeitung wird daraufhin mit den Wertungen zurĂŒckhaltender, bevor sie dann wieder auf die alte Schiene zurĂŒckkehrt. Die Zeitung

Aber auch andere Publikationen verfallen vollkommen einer Seite, als Beispiel dafĂŒr sei auf einen Text der VOGUE verwiesen (erstmals erschienen, interessanterweise, in der italienischen Ausgabe). Der Text schlĂ€gt sich vollstĂ€ndig auf die Seite der algerischen Athletin, obwohl die Kontroverse ja erst durch den Kampf gegen eine italienische Boxerin so richtig aufgekommen war.

Darauf, dass belastbare Belege aktuell schlicht nicht vorliegen, verweisen nur wenige Medienbericht. DafĂŒr werden auf beiden Seiten teilweise absurde Argumente angefĂŒhrt – beispielsweise, wenn das deutsche Portal NIUS die grosse Story darin wittert, dass das Geburtszertifikat, das Khalefs weibliches Geschlecht ausweist, ein Datum aus dem Jahr 2018 trĂ€gt. Dass Geburtszertifikate manchmal nachtrĂ€glich bei den Behörden bestellt werden, aus den bei der Geburt eingetragenen Daten des Zivilstandsregisters ausgelesen und dann in ein Zertifikat eingepflegt werden, das dann auch das aktuelle Datum trĂ€gt, scheint den Machern von NIUS unbekannt zu sein – und die These, der algerische Staat hĂ€tte hier die Fakten gefakt, um im Boxen an eine Medaille zu kommen, erscheint ohne weiteren Beleg dann doch etwas sehr steil.

Gleichwohl: Die Berichterstattung zeigt ein typisches PhĂ€nomen: Wenn die InformationslĂŒcken von denjenigen, die direkt involviert sind, nicht gefĂŒllt werden, dann schiessen GerĂŒchte und Spekulationen ins Kraut. Ein bekanntes PhĂ€nomen in allen Krisenlage.

IOC: Kein Krisenmanagement?

Die Thematik der verschiedenen GeschlechteridentitĂ€ten ist auch beim IOC durchaus angekommen. Im November 2021 publizierte das Komitee ein Positionspapier zu «Fairness, Inklusion und Nicht-Diskriminierung auf der Basis von GenderidentitĂ€t und Geschlechtsvarianten». Dem Papier vorausgegangen sei eine zweijĂ€hrige Konsultationsphase mit ĂŒber 250 Athleten und anderen Stakeholdern. Eine Zusammenfassung findet sich hier.

Das Positionspapier, als «Rahmen» definiert, weist die Verantwortung fĂŒr die Zugangsbestimmungen zu den Wettbewerben primĂ€r den einzelnen SportverbĂ€nden zu. – Mit dem Argument, dass es keine Kriterien gebe, die geeignet seien, ĂŒber alle Sportarten hinweg Fairness herzustellen. Deshalb stellt das IOC einfach 9 Kriterien (mit weiteren Unterkriterien) auf, welche von den VerbĂ€nden in ihren Disziplinen zu berĂŒcksichtigen seien.

Nur: Die Vorgaben widersprechen sich zum Teil heftig und atmen den Geist einer Wokeness, die es allen recht machen will und die schlicht nicht zu erfĂŒllen sind.

Beispiele gefÀllig? In Punkt 3 geht es um Zulassungskriterien:

In Punkt 3.3 heisst es: Kriterien, um unverhÀltnismÀssige Wettbewerbsvorteile zu bestimmen, können Tests der LeistungsfÀhigkeit oder körperlichen KapazitÀten eines Athleten vorsehen. Kein Athlet soll aber Gegenstand eines Tests sein, mit dem das biologische Geschlecht, die GeschlechtsidentitÀt oder auf Geschlechtsvariationen getestet werde.

In Punkt 4.1 heisst es dann wiederum unter «Fairness»: Wenn Sportorganisationen Zulassungsbedingungen fĂŒr MĂ€nner- und FrauenwettkĂ€mpfe definieren, dann sollten sie das tun im Hinblick darauf, dass kein Athlet in einer Kategorie unfaire oder unverhĂ€ltnismĂ€ssige Wettbewerbsvorteile habe. Gleichzeitig darf aber von einem Athleten auch nicht verlangt werden, dass er in einer Kategorie mit einer anderen GeschlechtsidentitĂ€t antreten muss als derjenigen, nach der er konsistent und persistent gelebt hatte.

Und so geht es weiter, bis in Punkt 9 dann auch noch festgehalten wird, dass die Persönlichkeitsrechte zu wahren seien und beispielsweise Daten zur Bestimmung, ob eine Person bei den MĂ€nnern oder Frauen antreten soll, nur mit dem EinverstĂ€ndnis der betreffenden Person erhoben werden dĂŒrfen («informed consent»). Entsprechend dĂŒrfen auch die Ergebnisse nur mit dem EinverstĂ€ndnis des Athleten öffentlich gemacht werden.

IOC-Krisenkommunikation: Nicht qualifiziert

Die BewĂ€ltigung einer Krise geht nicht ohne professionelle Kommunikation. Das IOC hat am Donnerstag, den 1. August 2024 erstmals ein Statement veröffentlicht. Es ist an UnprofessionalitĂ€t kaum zu ĂŒberbieten. Warum?

ZunĂ€chst hĂ€lt das Statement fest, dass die Zulassung zum Frauenboxturnier einzig auf der Angabe im Reisepass basiere. Das zeigt bereits, dass das IOC nicht auf der Höhe der Zeit ist und es ihm offenbar entgangen ist, dass verschiedene Staaten in den letzten Jahren dazu ĂŒbergegangen sind, beim registrierten (und damit auch im Reisepass ausgewiesenen) Geschlecht einzig auf die Selbstdeklaration einer Person abzustellen. HĂ€tte Mike Tyson beispielsweise die schweizerische StaatsbĂŒrgerschaft, könnte er sich ohne Weiteres als Frau eintragen lassen, einen entsprechenden Reisepass bestellen und schliesslich am nĂ€chsten Olympischen Frauenboxturnier als Michaela teilnehmen. – So und nicht anders muss man auf jeden Fall das Statement des IOC interpretieren. In Deutschland besteht diese Möglichkeit mit der EinfĂŒhrung des Selbstbestimmungsgesetzes ebenso. Dieses erlaubt es allen in Deutschland, einmal pro Jahr das Geschlecht zu wechseln.

Im Weiteren besteht das Statement des IOC vor allem aus VorwĂŒrfen. Zuerst behauptet das IOC, «man habe Berichte gesehen mit irrefĂŒhrenden Informationen ĂŒber zwei Athletinnen, die an den Olympischen Spielen 2024 in Paris teilnehmen.» Um dann aufzuzĂ€hlen, dass die beiden Boxerinnen schon in frĂŒheren Jahren an Frauenboxturnieren teilgenommen hĂ€tten – was aber auch von niemandem bestritten worden war. Welche Informationen angeblich irrefĂŒhrend gewesen sein sollen, benennt das Statement nicht. Ein Fehler. Wenn Falschinformationen gerĂŒgt werden, mĂŒssen diese selbstverstĂ€ndlich auch konkret benannt werden.

Dann macht das IOC dem Boxverband IBA massive VorwĂŒrfe: «Die zwei Athletinnen wurden Opfer einer unvermittelten und willkĂŒrlichen Entscheidung der IBA. Gegen Ende der IBA Weltmeisterschaft 2023 wurden sie plötzlich und ohne angemessenen Prozess disqualifiziert.»

Mit dieser Kommunikation verstösst das IOC gegen zwei weitere goldene Regeln der Krisenkommunkation: Zuerst: Werfe keinen Dreck auf andere. – Den schwarzen Peter einfach weiterzugeben, wird vom Publikum nicht goutiert.  Man mag den Disqualifizierungsprozess, wie ihn die IBA durchgefĂŒhrt hatte, fĂŒr problembehaftet betrachten. Gleichwohl: Zum ersten ist es einfach nur peinlich, wenn zwei WeltverbĂ€nde in der Öffentlichkeit schmutzige WĂ€sche waschen. Zum zweiten kann auch die Kritik an der IBA nicht zudecken, dass das IOC gemĂ€ss dem Statement seit Jahren um die Problematik wusste und insbesondere auch wusste, dass die Disqualifikation der beiden Athletinnen anlĂ€sslich der WM in New Delhi keineswegs unvermittelt und willkĂŒrlich erfolgte, sondern – immer gemĂ€ss den Aussagen der IBA –  am Ende eines lĂ€ngeren Prozesses erfolgte, ĂŒber den das IOC ins Bild gesetzt worden war. DemgegenĂŒber erscheint es, dass das IOC schlicht seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte.

Ins selbe Kapitel geht ĂŒbrigens auch, dass der Twitter-Account IOC-MEDIA irgendwelche Posts retweetet von Genderbewegten, welche fĂŒr die Algerierin Position beziehen. Damit wird die Kontroverse zusĂ€tzlich angeheizt statt eingedĂ€mmt. Komplett absurd.

Weiter schreibt das IOC: «Die aktuelle Aggression gegen die beiden Athletinnen geht einzig auf das unfaire Vorgehen der IBA zurĂŒck.» Auch in diesem Satz zeigt sich die Blindheit der Kommunikationsverantwortlichen beim IOC. Nach Tausenden von ausgewerteten Posts in den Social Media fĂŒr diese Analyse kommt man zum Schluss, dass die Aggressionen eines Grossteils des Publikums nicht gegen die Athletinnen selbst gerichtet sind, sondern gegen das IOC und seine UnfĂ€higkeit, mit dem Thema angemessen umzugehen und faire Wettbewerbsregeln durchzusetzen.

Das hat das IOC aber ganz offensichtlich verpasst. In einer Medienkonferenz wies IOC-Sprecher Mark Adams auf die KomplexitĂ€t des Themas hin und dass deshalb gemĂ€ss dem Framework die einzelnen SportverbĂ€nde die Regeln definieren mĂŒssten. Diese Botschaft ist nachvollziehbar. Heisst im Umkehrschluss aber natĂŒrlich auch: Wenn das IOC das Boxturnier selbst veranstaltet und die IBA als Fachverband suspendiert, dann ist es am IOC, diese Fragen zu regeln. Aussagen von Adams wie «Sie wurde als Frau geboren, lebt als Frau, boxt als Frau und ist nach ihrem Pass eine Frau» sind da schlicht zu dĂŒnn.  Nicht mehr nachvollziehbar hingegen ist seine Aussage: «Da geht es nicht um einen Mann, der gegen eine Frau kĂ€mpft. Darin ist sich die Wissenschaft einig.» – Offensichtlich ist das schiere Gegenteil der Fall, wie auch Alex Oller auf insidethegames.biz schreibt.

Der IOC-PrÀsident macht alles noch schlimmer

Weil sich die Kontroverse durch das unprofessionelle Kommunikationsverhalten des IOC noch weiter ausbreitete, sah sich schliesslich IOC-PrĂ€sident Thomas Bach bemĂŒssigt, in die Debatte einzugreifen. An einer Medienkonferenz wiederholte er zunĂ€chst die Aussagen von Adams: «Wir reden hier von zwei Frauen, die als Frauen geboren wurden, die als Frauen aufgewachsen sind, die in ihrem Pass als Frauen eingetragen sind und die viele Jahre als Frauen geboxt haben. Und das ist die klare Definition einer Frau.»

Mit dieser unglaublich unbedachten Aussage triggerte Bach selbstredend gleich noch einmal: Zum einen alle Feministinnen, die sich darĂŒber aufregen, dass hier ein alter weisser Mann zu definieren versucht, was eine Frau ist. Zum anderen alle Wissenschafter in dem Gebiet, fĂŒr die die Frauen-Definition von Bach einfach nur grotesk anmuten muss.

Auch die nĂ€chste Aussage von Bach muss fĂŒr diese Experten wie ein Hohn klingen: «Was wir hier sehen ist, dass einige die Deutungshoheit darĂŒber besitzen wollen, was eine Frau ist. Ihnen kann ich nur sagen, melden sie sich, wenn sie eine wissenschaftlich basierte Aussage dazu treffen können, wer eine Frau ist. Und wie eine Frau, die als Frau geboren, aufgewachsen und mit einem weiblichen Geschlechtseintrag im Pass versehen ist, nicht als Frau betrachtet werden kann.» – Nun, wie unser Abschnitt ĂŒber die medizinischen Aspekte zeigt, gibt es klare wissenschaftliche Aussagen dazu. Man mĂŒsste sich von Seiten des IOCs lediglich darum bemĂŒhen und sie zur Kenntnis nehmen.

Im Weiteren war sich auch Bach nicht zu schade, gegen die IBA und Russland zu schiessen und sie einer Diffamierungskampagne zu beschuldigen. Bach sieht einen «Kulturkrieg», an dem sich das IOC nicht beteiligen werde. Dass es das IOC selbst war, das diesen «Kulturkrieg» ausgelöst hat, scheint ihm nicht bewusst zu sein, oder er verdrÀngt es.

Zum Höhepunkt setzte Bach allerdings an, als er sagte:

«Das hier ist kein DSD-Fall, sondern der Fall einer Frau, die an einem Frauen-Wettbewerb teilnimmt.» Mit diesem Statement schliesst Bach aus, dass es sich bei Khelif um einen mÀnnlichen Athleten mit einer Störung der Geschlechtsentwicklung handelt.

Falls diese Aussage korrekt gewesen wĂ€re und das IOC einen entsprechenden wissenschaftlichen Beleg dafĂŒr hĂ€tte – beispielsweise einen DNA-Test, der das XX-Chromosomenpaar bei der Athletin bestĂ€tigt, hĂ€tte das wohl die gesamte Debatte beendet – und man hĂ€tte sich höchstens noch fragen mĂŒssen, warum das IOC diese Information so lange zurĂŒckgehalten hatte.

Wenige Minuten spĂ€ter folgt dann aber das UnsĂ€gliche: Das IOC korrigiert die Aussage Bachs. Er habe nicht sagen wollen, das wĂ€re kein DSD-Case, sondern es wĂ€re kein Transgender-Case. Und dieses Korrigendum kann jetzt wiederum nicht anders interpretieren lassen als: Es ist ein DSD-Case. – Sonst wĂ€re die Korrektur nicht nötig gewesen.

Damit hat der IOC-PrĂ€sident alle seine vorangegangenen ausschweifenden AusfĂŒhrungen selbst widerlegt. Er hat damit jeden Rest an GlaubwĂŒrdigkeit verloren und eigentlich nur noch eine Möglichkeit: So schnell als möglich zurĂŒckzutreten.

Fazit

Was sind die Lehren aus dem Fall fĂŒr jede andere Organisation, die ihr Krisenmanagement professionell aufstellen will?

  1. Risiken nicht verschleppen, sondern angehen

Wie so hĂ€ufig, hat sich diese Krise angeschlichen. GemĂ€ss den vorliegenden Informationen hatte das IOC schon 2022 Informationen darĂŒber, dass biologische MĂ€nner an Frauenbox-Turnieren teilnehmen, mit der Disqualifikation von 2023 durch die IBA war klar ausgewiesen, dass hier ein Issue vorliegt, an dem das IOC nicht vorbeikommt, wenn es an den Spielen in Paris das Boxturnier selbst organisiert. Das IOC ist das Problem so lange nicht angegangen, bis es ihr um die Ohren flog.

  1. Nicht zu Ende gedachte Policies

Das IOC-Framework zur Inklusion ist untauglich und nicht zu Ende gedacht. Es ist das typische Ergebnis davon, dass man es aufgrund fehlender Leadership allen recht machen möchte und nicht sieht, welche Konsequenzen daraus folgen. Wir erleben gerade im Bereich der Reglemente und Policies zur Wahrung der sexuellen IntegritÀt immer noch hÀufig, dass die Konzepte nur an-, aber nicht zu Ende gedacht sind. Empfehlung: Es hilft, fiktive, aber konkretisierte FÀllen einmal durchzuspielen, um zu sehen, ob die Konzepte in der Praxis taugen oder nicht.

Konkret erweist sich die aktuelle Politik des IOC, aus Schutz der Persönlichkeit von Betroffenen auf Geschlechtstests zu verzichten, als praxisuntauglich. Die Olmypische Bewegung muss sich entscheiden: Entweder priorisiert sie faire Spiele, bei denen fĂŒr die Athletinnen Chancengleichheit gilt. Oder sie stellt die Inklusion von Intersexuellen vor die Fairness (wie sie es aktuell auch tut, nur ohne dass sie den Mut hĂ€tte, sich auch offiziell dazu zu bekennen).

  1. Leadership in der Krise – fehlendes Krisenmanagement

FĂŒhrung in der Krise verlangt SouveranitĂ€t. Das gesamte Krisenmanagement des IOC ist geprĂ€gt von der Auseinandersetzung mit der IBA. Bis hin zum PrĂ€sidenten scheinen die Emotionen dem Verstand im Wege zu stehen und eine nĂŒchterne Sicht zu verstellen – nicht nur auf den Sachverhalt, sondern auch auf das eigene Versagen.

Ein erfolgreiches Krisenmanagement erfordert einen Krisenmanagementprozess mit einem Krisenstab, einem etablierten Stabsarbeitsprozess und der dafĂŒr notwendigen Infrastruktur. Nichts an der KrisenbewĂ€ltigung des IOC deutet darauf hin, dass nach den etablierten Krisenmanagement-Standards gearbeitet wird. Das ist dann besonders peinlich, wenn die Organisation anderen VerbĂ€nden Verstösse gegen Governance-Prinzipien vorwirft – und sie selbst auch nicht beherrscht.

Gegen den Tunnelblick, in dem das IOC gefangen scheint, hilft hĂ€ufig eine Aussensicht. Sprich: Berater und Experten, die nicht in eine lange Vorgeschichte verstrickt sind, sondern eine nĂŒchterne und sachliche Lagebeurteilung vornehmen können.

  1. Hinstehen in der Kommunikation

Sind die richtigen Massnahmen gesetzt, gilt es diese zu kommunizieren. Lösungsorientiert, zukunftsgerichtet, wertebasiert. In der Kommunikation steht die eigene Rolle im Zentrum. Nicht die anderer Player. Schon gar nicht geziemt es sich, gegen andere zu schiessen. Das ist schlicht schlechter Stil und wird fast immer zum Bumerang. Fingerpointing auf andere funktioniert nur «off the record», sprich: indem im Hintergrund gezielt Informationen an Personen herangetragen werden, welche diese dann in die Öffentlichkeit tragen.

  1. Ernst der Lage erkennen

Die Kommunikation in Krisenlagen erfordert höchste Konzentration. Einfach mal ein bisschen darauflosplaudern, wie IOC-PrĂ€sident Bach das tut, geht gar nicht. Das Risiko, etwas Unbesonnenes zu sagen, ist viel zu gross. Wie der Fall ja auch beweist. Eine professionelle Vorbereitung ist deshalb das A&O. Dazu gehört auch, dass die LeistungstrĂ€ger, die kommunizieren mĂŒssen, körperlich und geistig absolut fit sind und keine ErmĂŒdungserscheinungen zeigen.

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