[vc_row][vc_column][vc_column_text]ZDF heute journal – ZDFmediathek – ZDF Mediathek

Ein schönes Beispiel, wie man sich aus der besten Abschluss-Position völlig ins Offside sprechen kann, liefert der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel im HEUTE JOURNAL vom 18. November 2014. Marietta Slomka interviewt Gabriel dort zur Frage, wie demokratisch es sei, dass die SPD-Basis den Koalitionsvertrag absegnen darf. Die SPD-Mitglieder, so die Kritik, die Slomka vorträgt, hätten damit mehr Einfluss auf die deutsche Regierungspolitik als ein «normaler» Wähler.

Inhaltlich steht die These im Raum, dass die SPD-Parteileitung dem Koalitionsvertrag nicht zuletzt deshalb sehr weitgehend ihren Stempel aufdrücken konnte, weil die Union sehr genau wusste, dass bei einem Nein der SPD-Basis das Risiko bestand, sich am Ende als Wahlsiegerin aus der Regierungsverantwortung zu nehmen, weil niemand mit ihr koalieren mochte.  – Nur: Die Kritik an der SPD in dem Zusammenhang  ist leicht zu kontern.  Was denn, so das Argument, kann demokratischer sein als eine Urabstimmung an der Parteibasis? – Auch Slomka selbst wusste das wohl nicht recht, konnte in ihren Fragen allerdings Staatsrechtsprofessoren zitieren, die sich durchaus kritisch zu dem Vorgehen äusserten.

Für Gabriel müsste ein solches Interview einen Steilpass darstellen, um mit einem Augenzwinkern Parteimitglieder zu werben: Die Tatsache, dass bei der SPD anders als bei CDU und CSU die Basis mitreden kann, verschafft der Partei und deren Funktionären einen Sympathievorsprung. Und macht die SPD für die Mitglieder an der Basis attraktiv, denn hier haben sie etwas mitzureden.

Sigmar Gabriel schafft es indes, aus dieser besten Position heraus in wenig mehr als sieben Minuten alle Sympathiepunkte zu verspielen und am Schluss als arroganter Besserwisser und unsympathischer Wichtsack dazustehen. Wie er das schafft? Zunächst, indem er Slomka für den Einwand, dass offenbar doch nicht alle SPD-Mitglieder die grosse Koalition nur toll finden würden, unsachlich abkanzelt. Man habe halt die positive Stimmung nicht bis Mainz gehört, bescheidet der Parteivorsitzende der Moderatorin, schon leicht gereizt. Nachdem Gabriel seine Argumente vorgebracht hat, Slomka aber weiter insistiert, verliert Gabriel mehr und mehr die Contenance. Noch dicker kommt’s, als Gabriel wenig später in Abrede stellt,  dass überhaupt ein vernünftiger Staatsrechtler öffentlich die Frage stellen könnte, ob das SPD-Vorgehen richtig sei. Blöd für den SPD-Mann: Just eben hat einer dieser Staatsrechtler in einem Beitrag genau diese Frage öffentlich gestellt. Und andere haben’s in der Zeitung getan. Gabriels Reaktion zeigt: Er ist nicht informiert und überheblich.Sein Versagen gipfelt darin, dass er Slomka vorwirft, es sei nicht das erste Mal, dass das ZDF versuchen würde, SPD-Vertretern das Wort im Munde zu verdrehen.

Mit Verlaub: Das hat einerseits Slomka nicht gemacht. Andererseits gehört es zu Ihrer Aufgabe, nachzufragen. Wenn SPD-Spitzenfunktionäre rhetorisch nicht in der Lage sind, in einem solchen Gespräch zu bestehen, haben sie auch in einer Regierung nichts verloren.

Der Auftritt Gabriels hat in Deutschland eine heftige Kontroverse ausgelöst, Gabriel wurde sofort von weiteren SPD-Funktionären sekundiert, welche sich ebenfalls über Journalisten empören, die so dreist sind, Nachfragen zu stellen. Sogar CSU-Seehofer stimmt in das Geheule über die Medien ein. SPD-Anhänger trösten sich damit, dass eine online-Umfrage der deutschen BILD-ZEITUNG ergibt, dass etwa gleich viele Menschen Gabriel und Slomka daneben fanden: 51% meinen, Gabriel hätte souveräner sein müssen, 49% fanden, er habe die Vorwürfe gut pariert. Der Trost ist freilich nur ein oberflächlicher. Bei genauerer Betrachtung müsste man nämlich zum Schluss kommen, dass Gabriel aus einer Situation wie der vorliegenden eine Sympathiequote von mindestens 95% der Zuschauerinnen und Zuschauer hätte herausholen müssen.

Und die Lessons learned für Gabriel?

  • Kritische Fragen immer ernst nehmen. Auch wenn sie tatsächlich lächerlich sind und schwer nachvollziehbar: Nur wer sachlich argumentiert und die Contenance bewahrt, wird selbst ernst genommen. Beleidigungen oder Beschimpfungen, sei es gegen Medienschaffende oder Kritiker,  kosten unnötig Sympathiepunkte.
  • Journalistenschelte im Live-Interview ist immer heikel: Wer sie anbringen will, muss sehr gut vorbereitet und in der Lage sein, die Kritik knapp und präzise auf den Punkt zu bringen. Und: Medienschelte ist nur möglich, wenn diese gegen die ethischen Regeln verstossen haben. Dass Medienschaffende die Kritik Dritter aufnehmen und um eine Stellungnahme dazu bitten, ist kein solcher Verstoss, sondern normale journalistische Arbeit.

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