Die Duplex-Schaltung. Der vielleicht schwierigste Medienauftritt

Sie stehen in einem TV-Studio irgendwo auf der Welt, hinter Ihnen ein grasgrünes Stofftuch, vor Ihnen eine Kameralinse, und in Ihrem Ohr ein klitzekleiner Ohrhörer. Gleich geht es live los mit der Duplex-Schaltung – der vielleicht schwierigsten Form des TV-Auftritts.

Warum das? Zunächst, weil es den meisten schwer fällt, konzentriert in eine Kameralinse hineinzusprechen, hinter der im besten Fall noch eine Kamerafrau steht, vielleicht aber auch gar niemand. Zum anderen, weil Duplex-Schaltungen meist unter Zeitdruck entstehen: entweder werden sie live ausgestrahlt, oder aber kurz vor der Sendung – mit wenig Möglichkeiten, bei einem Fehler noch mal von vorne zu beginnen. Deshalb bedeutet die Duplex-Schaltung: höchste Konzentration.

Vorbereitung ernstnehmen

Unsere Philosophie war schon immer: kein Medienauftritt ohne seriöse Vorbereitung. Das Schema dazu finden Sie hier. Für die Duplex-Schaltung gilt das erst recht. Zusätzlich zu unseren Hinweisen empfehlen wir, bei einer Duplex-Schaltung den technischen Rahmen im Vorfeld genau zu klären. Die Bedingungen können nämlich sehr unterschiedlich sein: Im krassesten Fall hören Sie die Fragen über den Ohrwurm eines Mobiltelefons, allenfalls noch mit einigen Sekunden Verzögerung, und schauen in eine unbediente Kamera.

Im komfortabelsten Falle stehen Sie in einem Studio, hören die Fragen über die Studiolautsprecher und sehen Ihr Gegenüber auch auf einem Monitor, meist unmittelbar unter der Kamera. Doch Achtung, dieses vermeintlich „professionellste“ Umfeld birgt seine Gefahren: So passiert es Ungeübten z.B. häufig, dass sie auch während dem Sprechen das Monitorbild betrachten und für den aufmerksamen Zuschauer deshalb sichtbar wird, dass sie ihn nicht anschauen: Anders als in allen anderen TV-Situationen sollen Sie bei einer Duplex-Schaltung nämlich direkt in das Objektiv der Kamera blicken.

Überraschungen vermeiden

Besonders die Liste der kritischen Fragen, die Ihnen gestellt werden könnten, sollten Sie sehr seriös angehen. Eine überraschende Frage, ein kritischer Aspekt, den Sie nicht vorab bedacht haben, kann nachhaltig verunsichern – insbesondere, wenn Sie ohne Netz und doppelten Boden agieren müssen. Selbstverständlich empfehlen wir, dass Sie auf einem Vorgespräch beharren, und zwar am besten mit dem Moderator oder der Moderatorin der Sendung selbst und nicht mit einer Redaktorin, welche dann die Abmachungen vielleicht doch nicht präzise genug an den Kollegen weitergibt. Sie müssen sich allerdings bewusst sein, dass verschiedene Redaktionen die Praxis pflegen, dass die Moderation keine Vorgespräche selbst führt – das Gespräch solle so „spontaner“ wirken, lautet das Argument. Wir halten das für Unsinn (ein professioneller Moderator muss in der Lage sein, auch nach einem Vorgespräch noch ein Interview führen zu können, das frisch und nicht abgesprochen wirkt), aber die Praxis hält sich hartnäckig.

Des weiteren sollten Sie Ihre Techniken noch einmal durchgegangen sein, wie Sie kritische Fragen souverän parieren. Lesen Sie dazu auch unsere spezielle Seite hier. Und natürlich empfehlen wir dringendst, eine Duplex-Schaltung im Vorfeld durchzuspielen – falls nicht die Zeit bleibt, das in einem der Duplex-Schaltung vergleichbaren Setting zu tun, so ist ein Probedurchgang mit Ihrem Kommunikationsverantwortlichen per Telefon immer noch besser als gar kein Trainings-Durchgang. Seien Sie sich bewusst, dass auch die Medienschaffenden die Interviews im Vorfeld durchspielen und eben keineswegs so „spontan“ vor der Kamera agieren.

Sich begleiten lassen

Sehr hilfreich kann eine Begleitperson sein, die auf all diejenigen Aspekte achtet, die Sie an sich selbst nur schlecht kontrollieren können: Sitzt die Bluse richtig? Sind alle Knöpfe Ihres Hemdes geschlossen? Stehen die Kragenspitzen richtig? Aber auch für das „Aufwärmen“ unmittelbar vor dem Auftritt kann die Begleitperson hilfreich sein: Bitten Sie sie, Ihnen die Einstiegsfrage vorzulegen oder das bevorstehende Interview kurz durchzuspielen: Damit sind Sie für Ihren Auftritt warmgelaufen. – Schliesslich würde ein Weltfussballer ja auch nie auf den Platz gehen, ohne sich vorgängig aufgewärmt und ein paar Bälle geschlagen zu haben.

Prominente Beispiele

Es gibt in der jüngeren TV-Geschichte verschiedene Duplex-Schaltungen, die das Potential haben, in Erinnerung zu bleiben. Ein Klassiker war der Wortkampf zwischen Moderatorin Marietta Slomka vom ZDF heute-journal mit Sigmar Gabriel am 28. November 2013. Thema war die Befragung der SP bei ihrer Basis, ob sie mit einer grossen Regierungskoalition „Groko“ einverstanden sei. Umfragen nach dem Interview zeigten, dass das Publikum seine Sympathiepunkte etwa zur Hälfte an Slomka wie an Gabriel verteilten. – Was für Gabriel eine herbe Niederlage darstellt: Die kritischen Fragen der Journalistin sind inhaltlich so haltlos, dass es ihm eigentlich hätte gelingen müssen, 98 Prozent des Publikums hinter sich zu scharen.

Ein weiteres denkwürdiges Beispiel ist der Auftritt des stellvertretenden Walliser Polizeikommandanten Rudolf Steiner im der Sendung „Schweiz aktuell“ vom 31. Januar 2013. Steiner war offensichtlich weder auf die spezifische Mediensituation noch auf die Fragen der Journalistin vorbereitet, was er mit einem gänzlich verunglückten Auftritt bezahlte. Ein gutes Lehrstück dafür, dass eine Befragung in einer Duplex-Situation eine ausreichende Vorbereitung erfordert: Inhaltlich, aber auch bezogen auf die spezifische Mediensituation.