Die moderne Dramaturgie à la Hollywood

Literaturhinweise

Weil wir in unserem ganzes Leben ständig «Dramaturgien» ausgesetzt sind, behandeln die nachfolgenden Werke das Thema aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Letztlich liegt darin aber genau die Faszination dieser Disziplin: Die TAGESSCHAU mit den Nachrichten des Tages folgt genau so einer Dramaturgie wie die Anordnung der verschiedenen Shops im neu erstellten Einkaufszentrum oder der neuste Hollywood-Blockbuster mit unserem Lieblingsschauspielern.

 

Prinzip Hollywood

Marietheres Wagner:

Prinzip Hollywood. Wie Dramaturgie unser Denken bestimmt.

ISBN: 978-3-907100-61-5. Midas Management Verlag. Zürich:2014. CHF 34.90.

«Dramaturgie ist ein Grundprinzip unseres Denkens», sagt die Autorin und stellt die These auf, dass die Regeln der Dramaturgie uns weit über den Konsum vom Filmen, Theaterstücken oder Büchern hinaus gefangen nimmt und unsere Art, Konflikte zu bewältigen oder Probleme zu lösen damit wesentlich stärker beeinflusst und steuert, als das den meisten von uns überhaupt bewusst ist.

 

Christian Mikunda. Der verbotene Ort

Christian Mikunda:

Der verbotene Ort oder die inszenierte Verführung. Unwiderstehliches Marketing durch strategische Dramaturgie.

ISBN: 978-3-636-01214-2. Redline Wirtschaft. München:2005. € 36.00

Christian Mikunda war einer der ersten, der in verschiedenen Werken die Dramaturgie in unserem Alltag zum Thema gemacht hat. Und der in diesem Buch ausführt, wie Dramaturgie im Marketing gezielt genutzt und eingesetzt werden kann, um zu steuern, wie die eigene Marke vom Publikum wahrgenommen wird.

Von Aristoteles zur Heldenreise

Was ist «Dramaturgie»? Was bedeutet der Begriff für unsere Kommunikation bei Präsentationen, Verhandlungen, Firmenvideos oder Grossgruppen-Anlässen? Der Versuch einer Annäherung.

Viele der Definitionen sind für unseren Kommunikationsalltag deshalb nicht wirklich hilfreich, weil sie mit akademischen Begrifflichkeiten arbeiten und den Begriff mit einem so abstrakten Vokabular umschreiben, dass daraus keine wirkliche Begriffsklärung hervorgeht – zumindest nicht für diejenigen, die weder Theater- noch Filmwissenschaften studiert haben.

Die Wort-Herkunft

Der Begriff «Dramaturgie» stammt aus dem Griechischen. «Dramen» hiessen dort die Werke der Dichter, abgeleitet vom altgriechischen Wort «dran» für «handeln». Mit anderen Worten: Es ging um Handelnde – schon damals also war die «Handlung» im engen Sinne des Wortes für das Verständnis massgeblich. Vieles, was danach bis ins 18. Jahrhundert unter Dramaturgie verstanden wurde, geht im Wesentlichen auf Aristoteles zurück, einen Schüler Platons. Aristoteles unterscheidet die Dramen in Komödien und Tragödien. In der Tragödie handeln «gute» Menschen, in der Tragödie «schlechte». Oder anders ausgedrückt: In der Tragödie handelt der Protagonist falsch und löst damit Unglück und Leid aus, in der Komödie handelt er richtig und löst damit Glück aus.

Hollywood und die moderne Dramaturgie

In der Neuzeit wird die Dramaturgie wesentlich durch die USA geprägt – in erster Linie durch die dort ansässige Film- & TV-Industrie, welche unter dem Begriff der «Dramaturgie» praktisch rezeptartige Grundstrukturen verstehen, wie ein Kino- oder TV-Film ablaufen muss, um beim Publikum erfolgreich zu sein. Meistgenannter Name in diesem Zusammenhang dürfte Syd Field (1935 – 2013) sein. Sein Werk «Screenplay» aus dem Jahr 1979 hat dieses Rezept für einen 120-minütigen Kinofilm erstmals so detailliert beschrieben.

Field unterteilt den Film – wie Aristoteles – in drei Akte. Basis der Handlung ist der Held, oder auch einfach die Hauptfigur, welche ein Ziel hat. Während sie dieses zu erreichen versucht, taucht Hinternisse auf, die Konflikte provozieren. Im letzten Akt löst sich schliesslich der Konflikt – wobei in aller Regel der Protagonist den Konflikt überwindet und letztlich das Ziel erreicht. Syd Field nennt die Übergänge zwischen den drei Akten «Plot Points» oder Wendepunkte: An diesen Stellen mussten Ereignisse in die Handlung eingreifen, welche das Geschehen in eine neue Richtung lenkten.

Field hatte sehr genaue Vorstellungen vom zeitlichen Ablauf: Der erste Akt, auch «Exploration», durfte 30 Minuten dauern, zwischen Minute 25 und 27 sollte der erste Plot Point folgen. Für den zweiten Akt veranschlagte er 60 Minuten, also das doppelte Mass, mit einem weiteren Plot Point zwischen Minute 85 und 90.

Die Heldenreise

Als Weiterentwicklung dieser Struktur kann die Arbeit von Christopher Vogler betrachtet werden, die heute häufig unter dem Begriff der «Heldenreise» subsummiert wird. Der Protagonist ist dabei im Verlaufe der Handlung mit seiner eigenen Unvollkommenheit konfrontiert, muss sich in Konflikten bewähren und wird schliesslich zum Helden, weil er sich im Verlaufe der Handlung weiterentwickelt und dazu lernt. Die Konflikte brauchen dabei nicht zwingend offene und zwischenmenschliche sein: Genau so gut kann ein innerer Konflikt Thema der Handlung sein.

Vogler geht noch weiter und benennt in seinem Modell sechs verschiedene sog. Archetypen: Darunter sind Personen oder Ereignisse zu verstehen, welche eine bestimmte Funktion wahrnehmen in der Dramaturgie. Der «Mentor» beispielsweise ist eine Figur, die dem Helden in seinem Konflikt beiseite steht, ihn coacht und zu neuen Erkenntnissen führt. Ein anderer Archetyp ist beispielsweise der «Herold,» der meist bereits im ersten Akt auftritt und den Protagonisten mit einer Information versieht, welche diesen zur Einsicht bringt, dass eine Veränderung not tut.

Nebst den sechs Archetypen, die in Gestalt von Figuren oder Ereignissen den Protagonisten auf seiner Heldenreise beeinflussen, besteht die Dramaturgie von Vogler aus zwölf einzelnen Stationen, welche der Held auf seiner Reise absolviert. Zwei der Punkte fallen dabei mit den «Plot Points« von Syd Field zusammen, nämlich Punkt 5 mit dem ersten und Punkt 10 mit dem zweiten Plot Point.

Die Stationen sind im einzelnen: (Quelle: Wikipedia)

  1. Ausgangspunkt ist die gewohnte, langweilige oder unzureichende Welt des Helden.
  2. Der Held wird von einem Herold zum Abenteuer gerufen.
  3. Diesem Ruf verweigert er sich zunächst.
  4. Ein Mentor überredet ihn daraufhin die Reise anzutreten, und das Abenteuer beginnt.
  5. Der Held überschreitet die erste Schwelle, nach der es kein Zurück mehr gibt.
  6. Der Held wird vor erste Bewährungsproben gestellt und trifft dabei auf Verbündete und Feinde.
  7. Nun dringt er bis zur tiefsten Höhle, zum gefährlichsten Punkt, vor und trifft dabei auf den Gegner.
  8. Hier findet die entscheidende Prüfung statt: Konfrontation und Überwindung des Gegners.
  9. Der Held kann nun den „Schatz“ oder „das Elixier“ (konkret: ein Gegenstand oder abstrakt: besonderes, neues Wissen) rauben.
  10. Er tritt den Rückweg an, während dessen es zu seiner Auferstehung aus der Todesnähe kommt.
  11. Der Feind ist besiegt, das Elixier befindet sich in der Hand des Helden. Er ist durch das Abenteuer zu einer neuen Persönlichkeit gereift.
  12. Das Ende der Reise: Der Rückkehrer wird zu Hause mit Anerkennung belohnt.

Weitere Materialien

BAYERN 2 des Bayrischen Rundfunks hat eine Podcast veröffentlicht, in dem die Heldenreise am Beispiel von Georg Lucas‘ «Krieg der Sterne» erklärt wird.

Podcast «Die Heldenreise – Typologie einer Erzählung»