Das 4-Ohren-Modell

Hören mit vier Ohren

Aktives Zuhören

Das Vier-Ohren-Modell von Friedemann Schulz von Thun ist eine wichtige Orientierungshilfe im Kommunikationsalltag. Es ist in den 70er Jahren in Deutschland entstanden und wird heute weltweit verwendet.

Der Kern des Kommunikationsmodells von Schulz von Thun: Jede Aussage hat vier verschiedene Seiten, vier Aspekte. Und: Oftmals entstehen Missverständnisse, weil der Empfänger einer Botschaft den Inhalt über ein anderes Ohr hört, als der Sender das wollte.

Die Sach-Botschaft

In jeder Konversation, mit jeder Aussage soll zunächst einmal eine Sachinformation übermittelt werden. Vielleicht sagt die Mutter am Frühstückstisch zu ihrer Tochter: «Es hat nur 15 Grad draussen.» – Das sind klare Fakten, möglicherweise hat die Mutter die Temperatur am Thermometer abgelesen. Der Sachaspekt ist meist nicht problematisch, ausser die Aussage ist so kompliziert, dass sie vom Empfänger inhaltlich gar nicht verstanden werden kann. Die Problematik ist häufig viel eher, dass wir eine Aussage ausschliesslich auf der Sachebene wahrnehmen.

Männergespräch

Die Selbstoffenbarung

Der zweite Aspekt ist der Aspekt der Selbstoffenbarung. Schulz von Thuns These lautet: Mit jeder Aussage, die wir machen, sagen wir letztlich auch etwas über uns selbst aus. Manchmal sogar mehr als uns bewusst ist. Der Geschäftsmann, der sich beklagt: «Das Essen im Hotel Z ist so teuer geworden» beklagt sich zwar vordergründig über die Preise in diesem Fünfsterne-Hotel. – Gleichzeitig sagt er aber auch: «Ich steige in Fünfsterne-Hotels ab, und im Hotel Z war ich früher schon.» Unsere Mutter sagt indirekt über sich selbst: «Ich habe mich heute morgen schon informiert und bin früh aufgestanden.»

Gerade der Selbstoffenbarungsaspekt ist ein wichtiger Aspekt. Einige Menschen sind sich dessen sehr bewusst und sprechen auf der Ebene der Selbstoffenbarung sehr viele indirekte Botschaften aus. «Der Anrufer, der sich mit Professor Doktor Meier» meldet, macht damit schon im ersten Satz klar, dass ihm sein Status ausserordentlich wichtig ist. Der Professor Doktor hingegen, der sich nur mit «Meier» meldet, macht ebenso sehr eine Aussage über sich selbst. Nämlich die, dass ihm sein Titel nichts bedeutet.

Kommunikationsforscher Schulz von Thun unterscheidet drei verschiedene Techniken, mit denen Personen auf der Ebene der Selbstoffenbarung Eindruck machen wollen: Die Imponiertechnik haben Sie eben im Beispiel kennengelernt. Eine andere Ausdrucksform der Imponiertechnik ist die Beiläufigkeit. «Ich bin genau Ihrer Ansicht, obwohl mein alter Freund Bill Clinton immer das Gegenteil behauptet.» Auch der Einsatz von Fremdwörtern wird zur Imponiertechnik gerechnet: Ein Mensch spricht in einer hochtrabenden Sprache, wohlwissend, dass ihn sein Gegenüber nicht versteht. Die versteckte Botschaft lautet hier: Ich bin ein gebildeter Mensch!

Eine weitere, häufig eingesetzte Technik, ist die Fassadentechnik. Sie wird von Menschen verwendet, die keine Schwäche zeigen wollen. Das klassische Beispiel ist Ihre Kollegin, die mit verheulten Augen vor Ihnen steht, weil sie sich eben von ihrem Freund getrennt hat. Dennoch sagt sie: «Es geht mir gut.» Die Selbstoffenbarung darin besagt: «Ich möchte nicht als schwach oder leidend angesehen werden.» – Die Fassade muss aufrecht erhalten bleiben.

Schliesslich erwähnt Schulz von Thun die Verkleinerungstechnik als weiteres Beispiel, die Menschen auf der Selbstoffenbarungsebene kommunizieren. «Fishing for compliments» wird das häufig auch genannt. Eine Person setzt ihren eigenen Status so massiv herab, dass allen klar wird, dass eigentlich das Gegenteil gemeint sein muss.

 

Paar Augenkontakt

Der Beziehungsaspekt

Nebst dem Sach- und dem Selbstoffenbarungsaspekt sieht Schulz von Thun in jeder Kommunikation auch einen Beziehungsaspekt. Der Sender einer Botschaft gibt mit dieser Botschaft auch eine Aussage zu dem Verhältnis zwischen sich und dem Empfänger der Botschaft. Der Professor aus dem vorherigen Beispiel macht mit seiner Vorstellung als «Professor Doktor» auch noch die Aussage: Ich bin gebildeter als Sie – falls Sie selbst nicht auch über die Professoren- und Doktorenwürde verfügen. Falls Sie das tun, so sagt unser Professor: «Ich kann mit Ihnen mithalten.» – So oder so aber macht er eine Aussage zur Beziehung zwischen ihm und dem Empfänger. Im Beispiel der Mutter, welche ihre Tochter auf die kalte Temperatur aufmerksam macht, könnte auf der Beziehungsebene mitschwingen: «Immer muss ich mich um Dich kümmern, weil Du Dich sonst wieder nicht warm genug anziehst.» Vereinfacht kann man sagen, dass der Beziehungsaspekt immer im Spiel ist, wenn eine Aussage auch auf das «Du» bezogen wird.

Der Beziehungsaspekt in der Kommunikation ist ein sehr heikler Punkt, denn häufig spiegelt sich hier Bevormundung, Wert- oder Geringschätzung des Gegenübers. Gerade bei Beziehungskonflikten geht es oft gar nicht um den Sachaspekt, sondern vielmehr um den Beziehungsaspekt. Dieser wird aber hinter einer ,Sachaussage‘ versteckt. Der Anrufer, der im Callcenter verlangt, er möchte gerne mit dem Chef sprechen, signalisiert damit auf der Beziehungsebene: «Du bist mir zu wenig» und bringt damit Geringschätzung zum Ausdruck.

Paargespräch

Der Appell-Aspekt

Der vierte und letzte Aspekt nach Schulz von Thuns Kommunikationsmodell ist derjenige des Appells. Seine These lautet: Mit jeder Kommunikation will der Sender auch ein bestimmtes Verhalten vom Empfänger, er will eine Wirkung auslösen. Dieser Appell kann sehr offen und klar sein. «Verbinden Sie mich bitte mit dem Chef» ist ein Appell, der in einer klaren Aufforderung ausgedrückt ist. Der Appell unserer Mutter ist weniger explizit: Mit ihrer Aussage, es sei draussen nur 15 Grad warm, will sie von ihrer Tochter aber etwas anderes erreichen. Nämlich dass diese statt dem bauchfreien Top einen Pullover anzieht für die Schule.  Manchmal ist ein Appell auch gar nicht in Worte gefasst: Eine Person beginnt zu Weinen – vielleicht ein Appell an das Gegenüber, diesen Menschen jetzt in den Arm zu nehmen?

Und jetzt?

Das Modell von Schulz von Thun soll einerseits helfen, Kommunikation besser zu verstehen. Häufig entstehen Konflikte, weil die Menschen nur auf einem «Ohr» hören und die drei anderen Aspekte vernachlässigen. Sensiblen Kommunikatoren gelingt es hingegen, zu merken, welcher der vier Aspekte dem Gegenüber besonders wichtig ist.
Entsprechend kann die Antwort dann darauf Bezug nehmen – vielleicht in Form einer Klärungsfrage, um abzusichern, dass man mit der eigenen Wahrnehmung richtig liegt. Wichtig ist, sich die vier Ohren gleichermassen offen zu halten. Wer nur noch mit dem Appell-Ohr hört, wird schon bei der Frage «Gibt es hier eine Kaffeemaschine» gleich zum Automaten rennen und einen Kaffee herauslassen – obwohl das gar nicht gemeint war. Wer nur noch auf dem Beziehungsohr hört, wird alles nur noch auf sich selbst beziehen – mit bisweilen krankhaften Zügen.

Friedemann
Schulz von Thun

Schulz von Thun

Friedemann Schulz von Thun ist am 6. August 1944 geboren und heute Professor der Psycholgie an der Universität Hamburg. 2007 hat er das Schulz von Thun Institut für Kommunikation gegründet. Das Kommunikationsquadrat, das die vier Aspekte einer Äusserung zum Thema macht, hat er 1970 entwickelt und 1977 zum ersten Mal publiziert. Schulz von Thun hatte sich zuvor als Wissenschafter intensiv mit Alfred Adlers Individualpsychologie und Ruth Cohns Themenzentrierter Interaktion auseinandergesetzt. Seine Bücher gelten heute als Standardwerke in der Kommunikationsaus- und -weiterbildung.