Lehren aus dem Beispiel Schneider-Ammann

10
Mrz

Lehren aus dem Beispiel Schneider-Ammann

Lehren aus dem Beispiel Schneider-Ammann

Die Nummer hatte für Gesprächsstoff gesorgt bis weit ins Ausland: Bundespräsident Schneider-Ammann spricht zum Tag der Kranken – und erwischt dabei nicht eben einen glücklichen Tag. Die Ansprache wirkt, schon in der deutschen, noch krasser aber in der französischen Sprachversion, wie eine Karikatur, so teilnahmslos spricht der Bundespräsident seinen Text in die Kamera.

Während Tagen ist die Videoaufzeichnung ein öffentliches Thema, Schneider-Ammann wird verspottet und parodiert.Wie es genau dazu kommen konnte, ist nicht überliefert, die verantwortlichen Stellen halten sich bedeckt. Einige wichtige Schlussfolgerungen lassen sich aus dem Beispiel aber sehr wohl ziehen.

  1. Lesen ab Teleprompter will geübt sein
    Schneider-Ammann liest seinen Text, was unschwer zu erkennen ist, ab dem sog. Teleprompter ab. Das ist eine technische Einrichtung, bestehend aus einem Bildschirm, der vor der Kameralinse angebracht ist und dessen Inhalt auf eine Scheibe projeziert, die dann im 45-Grad-Winkel direkt vor dem Objektiv montiert ist. Auf diese Weise kann ein Sprechtext direkt vor dem Kameraobjektiv ab dieser Scheibe gelesen werden. Wenn der Text im richtigen Tempo abgespielt wird, kann so ein Sprecher seinem Publikum direkt in die Augen schauen, obwohl er gleichwohl abliest. Nur eben: Lesen ab Teleprompter ist nicht ganz einfach und will geübt sein. Mehr dazu finden Sie auf unseren Wissensseiten.
  2. Genügend Zeit einrechnen
    Kommunikation ist Arbeit. Sprechen und Reden halten ist Arbeit. Interviews geben ist Arbeit. Das wird gerne vergessen – es gibt von ex-US-Präsident Bill Clinton genau gleich wie von George W. Bush Aussagen an Medienkonferenzen, an deren Ende sie erzählen, sie müssten nun wieder zurück an die Arbeit („I’ve to go back to work“). Als ob Kommunikation keine Arbeit wäre. -Diese Haltung mag auch bei Schneider-Ammann eine Rolle gespielt haben: Noch schnell eine halbe Stunde im Kalender reserviert, um eine Aufzeichnung zu machen, zwischen zwei wichtigen Terminen. – Leider ist es ein Klassiker, dass hohe Führungskräfte und Leader der Kommunikation nicht den Stellenwert einräumen, der ihr zukommt. Das heisst dann eben auch: entsprechend Zeit budgetieren.Dies gilt um so mehr, als es Schneider-Ammann bewusst sein mag, dass rhetorische Brillanz nicht seine grösse Begabung ist. Was dann ganz schnell zu einem Teufeskreis wird: Wir tun meist das am Liebsten, was wir auch am besten können. . Dabei wäre es in der Kommunikation zwingend, dass die Priorität umgekehrt proportional zum Talent veranschlagt wird.
  3. Sich einen Text zu eigen machen
    Am besten werden Sie immer denjenigen Text vortragen, den Sie selbst entwickelt haben. Und zwar am besten mündlich, indem sie erst laut vor sich hinsprechen, was sie eigentlich erzählen wollen, und das erst schriftlich festhalten, wenn Sie überzeugt sind: Genau so entspricht es mir. Nun ist es in hohen Führungschargen nicht immer möglich, jede Rede selbst zu entwickeln. Dann sollten Sie sich zumindest die Zeit nehmen, um einen Text, den Ihnen ein begabter Redenschreiber, der Sie und ihren mündlichen Ausdruck hoffentlich gut kennt, vorbereitet hat, zu ihrem eigenen Text machen. Indem Sie daran feilen, und durch das laute Vorsprechen überprüfen, ob Ihnen die Sätze, die Sie da vorfinden, auch wirklich in den Mund passen.
  4. Das Energieniveau finden
    Öffentliches Sprechen benötigt nicht nur einen genialen Text, sondern muss auch mit der entsprechenden Haltung und Körperspannung vorgetragen werden. Wir kennen alle hervorragende Texte, die durch das monotone Ablesen des Sprechers keine Brillanz zu entfalten vermögen. Und mittelmässige Texte, die durch einen witzigen, charmanten oder einfach auch energiegeladenen Sprecher zu einem Vergnügen werden. Wie aber gelingt es, die innere Spannung aufzubauen, um während einer Rede das innere Feuer zu entfachen und viel Energie auf das Publikum übertragen zu können? Das ist eine sehr individuelle Frage, Patentrezepte gibt es keine. Die absoluten Cracks in diesem Bereich erzählen meist, dass sie selbst vieles ausprobieren mussten, bis sie das für sie passende Rezept fanden.
  5. Sich einen Hofnarren halten
    Je höher Sie in der Hierarchie steigen, um so grösser die Gefahr, dass Sie sich ausschliesslich mit Menschen umgeben, die Ihnen nach dem Mund reden. Keiner wag es, der Nummer 1 zu widersprechen – oder die Nummer 1 zu kritisieren. Einen Kommunikations-Attachée, der Ihnen nicht die Wahrheit direkt ins Gesicht sagen darf, hilft Ihnen nichts – dann können Sie sich die Position auch sparen. Ein intaktes Vertrauensverhältnis zwischen Kommunikationsberater und seinem Chef oder Mandanten ist zwingend nötig als Arbeitsgrundlage.