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11.04.2013

Weltwoche vs. Rundschau: Verlierer ist der Journalismus – und das Publikum

Zugegebenermassen: Die RUNDSCHAU des SCHWEIZER FERNSEHENS hat in den letzten Wochen merklich zugelegt und schafft es langsam wieder, zu einem «must see» für die politisch-gesellschaftlich interessierten Kreise zu werden. So auch im Streit um den wissenschaftlichen Gehalt von Dissertationen, die bei Prof. Dr. Christoph Mörgeli erstellt wurden.

 

Wieviel ein Mediziner eigentlich für seinen Doktortitel leisten müsse, und ob das Verhältnis der Anforderungen an diesen akademischen Grad zwischen den unterschiedlichen Fakultäten stimmig ist, das ist eine durchwegs relevante Frage. Das ursprüngliche Ziel der RUNDSCHAU dürfte indes ein anderes gewesen sein. Nämlich nachzuweisen, dass der zuweilen streibare Professor Dr. Christoph Mörgeli, Rechtsaussen der SVP, seinen Job schlecht gemacht und die Doktortitel den Kandidatinnen und Kandidaten quasi «nachgeworfen» habe. In zumindest einem Dutzend Fällen sei der wissenschaftliche Gehalt von Doktorarbeiten, die Mörgeli betreut habe, schlicht ungenügend.

 

Auch diese Fragestellung darf man aufwerfen. Und ein Professor Mörgeli muss es sich gefallen lassen, dass seine – von uns Steuerzahlern bezahlte – Tätigkeit hinterfragt wird. Ungemütlich wird's indes bei der Quellenarbeit. Wie die WELTWOCHE in ihrer Ausgabe vom 11. April behauptet (online nur Ausriss abrufbar), habe der Kronzeuge der Anklage, der in der RUNDSCHAU nur als Schattenmann und mit nachgestellter Stimme seine Vorwürfe gegen Mörgeli äusserte, gar keinen Doktor-Titel – er habe seine Dissertation zwar geschrieben, aber nie eingereicht. Die schemenhaften Schatten, so die WELTWOCHE, seien von ehemaligen Mitstudent/innen «sofort erkannt» worden.

 

Nur: Die WELTWOCHE kann ihre Quelle nicht hart machen, auf das Interview in der RUNDSCHAU angesprochen, habe der Mann am Telefon «unwirsch» reagiert: «Er bestritt, je Kontakt mit Journalisten gehabt zu haben, und hängte den Hörer entnervt auf.» Dennoch war für die WELTWOCHE offenbar und ohne weiteren Beleg, entgegen der wörtlichen Erklärung des Mannes, klar: Es musste sich bei ihm um den anonymen Zeugen der RUNDSCHAU gehandelt haben. – Eine Schlussfolgerung, die definitiv zu kurz greift, einen Beleg muss die WELTWOCHE schuldig bleiben. Kein Wunder, wehrt sich die RUNDSCHAU Händen und Füssen und hält triumphierend fest, die WELTWOCHE habe den falschen Mann erwischt. Nur: Damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Wesentlich einsilbiger gibt sich die RUNDSCHAU nämlich, wenn es um eine zweite Zeugin der Anklage geht. Die Ärztin (RUNDSCHAU), gemäss WELTWOCHE eine Zahnärztin, die nur noch via Anwalt mit Medienschaffenden verkehrt, übt massive Kritik an der Art, wie sie zitiert worden sei. Der Autor des RUNDSCHAU-Beitrags habe lediglich zwei bis drei Minuten mit ihr telefoniert, zudem handle es sich um ein Missverständnis: Sie habe ausgesagt, sie habe nicht wissenschaftlich gearbeitet in dem Sinne, dass sie Laboruntersuchungen an Patienten oder Materialien gemacht habe. – Das indes ist auch nicht, was eine medizinhistorische Dissertation verlangt.

 

Die RUNDSCHAU machte daraus ein «Geständnis», sie habe nicht wissenschaftlich gearbeitet, sondern lediglich Dokumente aus dem bulgarischen ins deutsche übersetzt. Die Frau macht geltend, sie habe «in Bulgarien schwer zugängliche Dokumente beschafft und auf deren Basis eine Dissertation verfasst.» Und, so die WELTWOCHE: «Nicht die Quellen, so die Zahnärztin, habe sie auf Deutsch übersetzt, sondern ihre gesamte Doktorarbeit, die sie urpsünglich auf Bulgarisch niedergeschrieben habe.» – Ihre Zitate vor der Ausstrahlung autorisiert hat die Frau offenbar nicht. Die einsilbige Antwort des Journalisten der RUNDSCHAU in diesem Punkt: «Dazu kann ich nur sagen, dass diese Person in der Sendung korrekt zitiert wurde.» (Nachzulesen auf www.srf.ch)

 

Gar keine Aussage macht die RUNDSCHAU zu einem weiteren WELTWOCHE-Vorwurf.

 

Im Beitrag der RUNDSCHAU hiess es etwa, die Zürcher Regierung habe die Doktorarbeiten unter Mörgeli als unwissenschaftlich qualifiziert. – Eine Quelle benennt die RUNDSCHAU dafür nicht. Die WELTWOCHE schon: «Die Zürcher Regierung hielt in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage fest, dass Mörgelis Gegenspieler, Professor Flurin Condrau, nach seinem Amtsantritt sämtlichen medizinischen Dissertationen am Institut die Wissenschaftlichkeit absprach.» –

 

Effektiv verabschiedete der Zürcher Regierungsrat in seiner Sitzung vom 6. Februar 2013 die Beantwortung einer Anfrage von Kantonsrat Hans-Peter Amrein, Küsnacht. Darin schreibt der Regierungsrat wörtlich: «In der Forschungsdatenbank des MHIZ werden fünf Forschungsprojekte von Prof. Ch. M aufgeführt. Nach seinem Stellenantritt entschied Prof. F. C. die Dissertationsprojekte zum Dr. med. aus der Forschungsdatenbank zu entfernen. Dieser Entscheid orientierte sich am wissenschaftlichen Gehalt der Projekte. Die Löschung galt für alle Mitarbeitenden des MHIZ gleichermassen. Zwei versehentlich gelöschte Forschungsprojekte, die keine Dissertationsprojekte zum Dr. med. betroffen haben, wurden wieder in die Forschungsdatenbank aufgenommen.»

 

Ob das die Aussage der RUNDSCHAU abzudecken mag?

 

Fazit: Beide Journalisten haben dem Journalismus und dem Publikum einen schlechten Dienst erwiesen. Peinlich bleibt für die WELTWOCHE, eine Quelle demontieren zu wollen, ohne hart machen zu können, dass der Mann tatsächlich die Quelle war. Viele Ungereimtheiten aber auch in der RUNDSCHAU-Geschichte: Die vermeintliche Ärztin ist eine Zahnärztin, ihr Zitat vielleicht wörtlich korrekt, aber inhaltlich sinn-entstellt und aus dem Zusammenhang gerissen. Dazu der Zürcher Regierung eine Wertung in den Mund gelegt, die sie so nie gemacht hat. Genau solche Erfahrungen sind es, welche dazu führen, dass viele Verantwortungsträger unserer Gesellschaft Medienschaffenden nur noch Interviews gewähren und Statements abgeben unter der Bedingung, dass sie die gedruckte Version vor der Ausstrahlung autorisieren können. Nicht ganz ohne Grund, wie figura zeigt.



03.03.2013

Propaganda-Boost bewirkt Abwehrreaktion

Lehren für die Kommunikation

Das Abstimmungs-Wochenende zwingt der Kommunikation eine deutliche Lehre auf: In zwei Vorlagen, der Abzocker-Initiative genau so wie bei der Olympia-Vorlage in Graubünden, haben Propaganda-Walzen von gigantischem Ausmass nicht funktioniert. 

 

Starten wir mit der Olmypia-Vorlage in Graubünden. Die Kommunikations-Lawine rollte unaufhaltsam und teilweise jenseits dessen, was der Anstand erlaubt: So machte das Ringier-Verlagshaus in einer Art und Weise Stimmung für die Vorlage, wie es sich für einen Verlag, der sich publizistischen Kriterien verpflichtet fühlen will, schlicht nicht geziemt. – Vor kurzem wurde die seltsame Redaktionspolitik denn auch demaskiert: Wie das Fachblatt DER JOURNALIST in seiner letzten Ausgabe schreibt, hatte eine Ringier-Tochter ein Kommunikationsmandat für die Olympia-Befürworter. Ringier – und mit dem Verlagshaus das gesamte Pro-Komitee, haben damit eine Grenze überschritten, wie es noch nie vorgekommen war in diesem Land. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger indes haben den Braten wohl gerochen, ohne die Zutaten in der Rezeptur genau zu kennen. Wenn Medienberichterstattung so einseitig daherkommt, muss wohl etwas faul sein im Staats Dänemark. – So dürften viele gedacht haben, und das Resultat zeigt: Die Bevölkerung hat ein gutes Sensorium dafür, wo eine Kampagne aus dem Ruder läuft, und präsentiert am Abstimmungstag entsprechend die Quittung.

 

Haargenau dasselbe Muster zeigt sich bei der Abzocker-Initiative. Praktisch das gesamte Polit-Establishment war hier Schulter an Schulter gegen die Initianten um Thomas Minder angetreten. Nur: Ausser reinen Behauptungen ohne saubere Argumentationslinien hatten die Gegner der Initiative im Abstimmungskampf wenig zu bieten. Gut zu wissen: offenbar braucht es doch noch nachvollziehbare Argumente, um die Menschen in diesem Land von einer politischen Idee zu überzeugen. Einfach nur den Teufel an die Wand zu malen und mit dem Verlust von Arbeitsplätzen zu drohen, verfängt schlicht nicht mehr.

Erschwerend kam für die Gegner noch hinzu, dass sie über Jahre taktiert und versucht hatten, die Initiative durch allerlei unsaubere Tricks zu bodigen. – Die Glaubwürdigkeit war schon zu Beginn der Kampagne an einem kleinen Ort. Insbesondere der Wirtschaftsdachverband ECONOMIESUISSE sollte dringend über die Bücher: die kommunikativen Peinlichkeiten der letzten Wochen und Monate haben das Image der Wirtschaft und ihrer Vertreter arg beschädigt. Und wenn der Verband nicht schnellstens korrigiert, läuft er Gefahr, dass die Wirtschaft auch noch gegen die 1:12-Initiative der Jungsozialisten verliert.



13.02.2013

Die Sache mit den gekauften Kommentaren

Warum die Aufregung?

Ein Aufschrei, nachdem der TAGES-ANZEIGER Ende 2012 publik machte, dass eine PR-Firma im Auftrag von ECONOMIESUISSE Studenten angeheuert habe, um in Internet-Foren Kommentare zu schreiben gegen die Abzocker-Initiative. Von einer «Manipulation der Debatte» war die Rede. Und eben erst kommt die nationale Netzgesellschaft SWISSGRID in Verruf: Im Internet waren Kommentare aufgetaucht, die so positiv für SWISSGRID und ihren CEO Stellung nahmen, dass nahelag, dass diese Kommentare gekauft waren.

 

Stellt sich die Frage: Na und? Wo bitte liegt das Problem, wenn eine Organisation professionelle Kommunikatoren dafür bezahlt, dass sie in Kommentaren und mit Leserbriefen ihre Sicht der Dinge verbreiten?

 

Zum einen: Eine Debatte im eigenen Sinne zu beeinflussen ist ein legitimes Mittel in einer Demokratie und wird seit jeher praktiziert. Und seit jeher werden Debatten geprägt von Menschen, die sich einen Lohn davon versprechen, dass sie sich exponieren für oder gegen eine öffentliche Sache. Der junge Parteinachwuchs jegwelcher Partei leistet die Knochenarbeit, um später parteiintern Karriere zu machen und zuletzt, wer weiss, vielleicht gar einmal ein gut dotiertes Exekutivmandat zu ergattern. Andere lassen sich den Lohn etwas schneller und direkt auszahlen. Na und? Ist doch völlig ok. Soll sich jetzt nur noch in die Debatte einmischen dürfen, wer das völlig selbstlos tut? Come on, wie naiv ist das denn?

 

Zum andern aber, und noch viel wichtiger: Was in einer Debatte zählt, ist doch allein die Kraft des Argumentes. Um eine politische Streitfrage zu gewinnen, sind stringente, widerspruchsfreie Argumentationsketten gefragt. Logische Schlüsse statt wilder, unbewiesener Behauptungen. Ob das gelingt, hat aber mit Budgets und bezahlten Leserbriefen herzlich wenig zu tun. Vielmehr sind intellektuelle Redlichkeit und rhetorisches Geschick gefragt.

 

Oder glauben die Kritiker der gekauften Leserbriefschreiber tatsächlich, wir Bürgerinnen und Bürger seien so dumm, eine Position einzig deshalb zu übernehmen, weil sie häufig geäussert wird? Wer das glaubt, hat die Demokratie bereits aufgegeben. Dabei hat gerade die Schweizer Stimmbevölkerung schon mehrfach bewiesen, dass sie sich auch gegen das praktisch gesamte Establishment wendet, wenn dessen Argumente nicht überzeugend sind.



25.01.2013

Brüderle ist nur eine Seite der Medaille

Erotik als Kommunikationstreiber

Viele Frauen und allen voran Journalistinnen empören sich. Dass der deutsche FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle plumpe Herrenwitzchen reisst und eine junge Journalistin – wohl mehr als nur leicht besäuselt – noch plumper angemacht hat, ist natürlich ein gefundenes Fressen. Keine empanzipierte Kolumnistin, die da nicht kräftig in die Tasten haut.

 

Das kann man ihnen schwer verübeln. Denn was Brüderle sich hier erlaubt hat, und dementiert hat er den Vorfall bislang nicht, ist tatsächlich degoutant und zeugt nicht eben von Professionalität und Fingerspitzengefühl. Dass es darüber hinaus dumm ist, ausgerechnet eine Journalistin blöd anzumachen, wird wohl auch keiner bestreiten.

 

Was aber in der allgemeinen Hetze untergeht: Es sind nicht nur die Protagonisten, denen gelegentlich die Grenzen verschwimmen. Die Anfälligkeit vieler Männer für erotische Signale wird von einigen Medienschaffenden, und in der Regel Kolleginnen, auch mal ganz gezielt eingesetzt. Das gilt nicht für alle, logischerweise. Aber zu vorgerückter Stunde erzählen die Kolleginnen manchmal selbst, wie sie in Minijupe und hohen Stiefeln den Banker dazu brachten, Dinge auszuplaudern, die eigentlich unters Bankgeheimnis fielen. Oder mit der naiven Frauchen-Masche zu Informationen kamen, welche der hart fragende Kollege wohl nie herausbekommen hätte.

 

Das rechtfertigt natürlich Brüderles Patzer in keiner Weise. Und adelt auch nicht die Männer, die den Journalistinnen so plump auf den Leim gehen. Im Gegenteil. All denjenigen Medienschaffenden, die jetzt laut das unprofessionelle Verhalten von Brüderle und Konsorten kritisieren, würde es gut anstehen, mit derselben Verve auch den Schlampenjournalismus zu geisseln.



14.09.2012

10v10s seltsame Nachrichtengewichtung

Als alt-Bundesrat Kurt Furgler am 24. Juli 2008 verstarb, war das 10VOR10 eine Kurznachricht wert. 22 Sekunden. 

Gestern hatte das Nachrichtenmagazin den Tod von alt-Bundesrat Otto Stich zu vermelden. Und, man glaubt es kaum: 12 Minuten und 17 Sekunden huldigte das «Nachrichtenmagazin» dem ehemaligen SP-Kassenwart.  Wiederholte gefühlte zwanzig Mal, wie knorrig Stich gewesen sei, ohne aber eine konkrete Geschichte dazu liefern zu können. Kritische Aspekte von Stichs Wirken, beispielsweise seine Rolle beim Debakel der Pensionskasse des Bundes, wurden säuberlich ausgeblendet.

Natürlich lässt sich argumentieren, man sollte einem Verstorbenen nichts Negatives nachsagen. Ob sich diese Anstandsregel mit den Aufgaben einer Nachrichtensendung vereinbaren lässt, sei einmal dahingestellt. Aber was um Himmels Willen hat Otto Stich als Bundesrat geleistet, das es rechtfertigt, ihm die Hälfte der Sendezeit von 10vor10 zu widmen? – Die Redaktion im Leutschenbach vermochte es in der Berichterstattung auf jeden Fall nicht aufzuzeigen.

Demgegenüber die Figur Kurt Furgler. Auch bei ihm hätten sich durchaus auch kritische Aspekte seiner Arbeit aufgedrängt. Etwa die Affäre Jeanmaire. Immerhin hatte Furgler aber auch Weltgeschichte geschrieben, im kalten Krieg Reagan und Gorbatschow zu einem gemeinsamen Treffen nach Genf gebracht. Und über 14 Jahre die Politik des Bundesrates wesentlich geprägt.

Fragt sich: Ist's das Parteibuch? Sozialdemokraten wird gehuldigt, ehemalige CVP-, FDP- und SVP-Magistraten andere werden vermeldet, wenn sie aus dem Leben scheiden? Ist's das Unwissen? Oder ist es einfach eine kollosal schlechte Führung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, die zu solchen Fehlleistungen führt?